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Geburtenrückgang made in Taiwan: dbb jugend nrw auf Suche nach Antworten
15.12.2010  
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Wie geht Taiwan mit den Herausforderungen des demografischen Wandels um? Um Antworten auf diese Frage zu finden, gingen sieben junge Mitglieder der dbb jugend nrw vom 2.-12. Dezember auf die Reise. Und machten dabei eine erstaunliche Entdeckung.
Seit 29 Jahren schon besteht zwischen der dbb jugend nrw und dem taiwanesischen Zentralen Personal­verwaltungs­amt eine enge Partnerschaft. Regelmäßig finden in Deutschland und in Taiwan Austausch­programme zu jugendpolitischen Themen statt. In diesem Jahr ging es um das Thema „demografischer Wandel.“ Sieben junge Gewerk­schaftler waren dafür unter der Leitung von Sabrina Deiter (LJL) vom 2.-12. Dezember nach Taiwan geflogen, um nachzuforschen, wie dort mit dem Thema umgegangen wird. Schließlich hat Taiwan mit den gleichen Problemen zu kämpfen, für die auch hierzulande eine Lösung gesucht wird: Die Menschen werden immer älter und die Zahl der Kinder geht immer weiter zurück. Doch während in Deutschland die Geburtenrate bei rund 1,4 Kindern pro Frau liegt, bekommen taiwanesische Frauen im Durchschnitt gerade mal ein Kind. Damit stellt Taiwan einen traurigen Rekord auf: Nirgendwo auf der Welt werden so wenig Kinder geboren wie in Taiwan.

Vorstandsmitglied Sabrina Deiter (Mitte) leitete die
7-köpfige Delegation auf ihrer Reise durch Taiwan

Sabrina Deiter bedankt sich beim Stellv. Direktor des Amts für Kinderfürsorge für das lange Gespräch
Das Problem ist erkannt, Taiwans Demografen schlagen schon seit geraumer Zeit Alarm. Doch wie kann der Trend gestoppt und bestenfalls umgekehrt werden? Patentlösungen dafür gibt es in Taiwan leider auch nicht. Im Amt für Kinderfürsorge des Innen­ministeriums in Taichung erfahren die Jugendvertreter aus Deutschland, dass der Staat ein ganzes Maß­nahmen­bündel aufgelegt hat: Eltern bekommen einen finanziellen Zuschuss für die Betreuung ihrer Kinder, die Ausbildung von Tagesmüttern wurde professionalisiert, medizinische Beratungs- und Betreuungs­angebote für Eltern wurden verbessert und deren Rechte wurden gestärkt. Ämter und Ministerien arbeiten zudem eng verzahnt zusammen, um Kinder und Jugendliche optimal unterstützen und fördern zu können.

Und noch ein Ass hat die taiwanesische Regierung im Ärmel: Ab 2011 wird es Pauschalprämien von umgerechnet 500 Euro für jede Geburt geben. Und wer einen Slogan erfindet, der die Taiwanesen dazu bewegt, mehr Kinder in die Welt zu setzen, kann sich über ein Preisgeld in Höhe von rund 20.000 Euro freuen.
Schuld sind die Sterne

Doch bislang ist eine Trendumkehr noch nicht in Sicht - im Gegenteil: Nach den Statistiken des Innenministeriums bekamen Taiwans Frauen in 2010 bislang weniger Kinder als je zuvor. Der Grund hierfür erstaunte die Delegationsteilnehmer dann doch. Schuld sind nämlich die Sterne.

Nach dem traditionellen chinesischen Mondkalender ist 2010 das Jahr des Tigers. Grund genug für viele Taiwanesen, mit dem Kinderkriegen noch ein bisschen zu warten. Denn Kinder, die im Jahr des Tigers geboren werden, gelten als aufsässig. Ihre Karrierechancen sind schlecht, weil auch Personalchefs an Horoskope glauben. Auch als Trauzeugen sind sie nicht besonders beliebt, denn mit ihnen steht die Ehe von Anfang an unter einem schlechten Stern, so glaubt man zumindest in Taiwan. In der Folge der Sternkreiszeichen ist 2011 der Hase an der Reihe. 2012 kommt dann das Tier, das die Chinesen am meisten verehren: der Drache. Steigen dann die Geburtenraten wieder? So einfach sind die Zusammenhänge sicher nicht.
Der Rückgang der Kinderzahlen hat auch sein Gutes

In Taipeh trifft sich die Delegation aus Deutschland mit dem Rektor eine Grundschule. Ganz entspannt in einem Teehaus. Während der Teezeremonie entwickelt sich eine angeregte Unterhaltung. Für Rektor Wu stehen eher irdische Ursachen an erster Stelle: „Bildung zählt in unserer konfuzianisch geprägten Gesellschaft enorm viel. Taiwanesische Eltern üben daher einen sehr großen Druck auf ihre Kinder aus. Für sie ist es unheimlich wichtig, dass ihr Kind gut in der Schule ist. Denn davon hängt so viel ab: wie es von den Lehrern, von anderen Eltern, ja von der ganzen Gesellschaft beurteilt wird“, weiß Wu. Viel Geld geben die Eltern deshalb für Nachhilfestunden und zusätzliche Kurse aus. Vereinfacht gesagt: ein Kind ist ziemlich teuer. Und für mehr als ein Kind wollen viele taiwanesische Eltern diese Belastung einfach nicht übernehmen.

Doch für Rektor Wu sind Finanzspritzen des Staates auch nicht der Weisheit letzter Schluss. „Wer ein Kind bekommt, muss auf eine Reihe von Dingen verzichten. Viele Taiwanesen sind dazu heutzutage einfach nicht mehr bereit“, weiß er aus seiner täglichen Arbeit. Doch der Rückgang der Kinderzahlen hat auch sein Gutes, findet Wu: „Weil wir weniger Schüler haben, benötigen wir auch weniger Klassenräume. So haben wir jetzt für den Musikunterricht einen eigenen Raum.“

Nirgendwo auf der Welt werden so wenig Kinder geboren wie in Taiwan
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Teilnehmerbericht
Wer hätte gedacht, dass knapp 10.000 km von Deutschland entfernt ganz ähnliche Probleme herrschen wie in heimischen Gefilden? Die sieben Delegations­teil­nehmer jedenfalls waren erstaunt über manche unvermutete Parallele. Dabei hätte die Gruppe die Reise fast überhaupt nicht antreten können. Lest mehr dazu im Teilnehmerbericht von Carsten.