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Normal leben, wo jederzeit eine Bombe hochgehen kann
18.06.2012 [Ein Teilnehmerbericht von Stefanie Neuhaus]
Stefanie Neuhaus ist etwas unruhig. Das hatte sie nicht erwartet: Die Sicherheitsbefragung, um nach Israel einzureisen, dauert ewig. Die einwöchige Austauschmaßnahme, die in Kooperation zwischen der dbb jugend nrw und dem Israelischen Städte- und Gemeindebund stattfindet, fängt spannend an und geht auch so weiter.

Noch sind die sieben jungen Deutschen, die sich über die dbb jugend nrw auf den Weg nach Israel gemacht haben, noch gar nicht am Ziel angekommen. Die erste Etappe endet in zum Teil ausführlichen Befragungen: Eine der Mitreisenden wird nun schon ewig durchleuchtet. Wo sie herkommt, wollen die Sicherheitsbeamten wissen, wie ihre Eltern heißen, und was sie in Israel will. "Sie kam da ewig nicht raus", erzählt Steffi, nachdem sie nach aufregenden acht Tagen wieder auf deutschem Boden gelandet ist.

Stefanie (ganz rechts) im Kreise der 7-köpfigen
Delegation der dbb jugend nrw in Israel
Eigentlich, so bemerkt sie später, ist die Anreise aber ohne wirkliche Probleme verlaufen. Aufregend findet Stefanie die Ankunft auf dem Flughafen trotzdem. "Der ist total modern. Und ganz viele ultraorthodoxe Juden sind mir gleich ins Auge gefallen, die man an ihren langen Bärten und den schwarzen Anzügen und Hüten erkennen kann", erzählt sie. Als die Gruppe den Flughafen verlässt, überkommt sie das Gefühl, in der Wüste zu sein. "Es war unglaublich warm. Und die Hitze war ganz anders als hier." Die Temperaturen um die 30 Grad empfindet sie als drückend. In diesem Ping Pong zwischen Hitze und klimatisierten Räumen bewegt sich die Reisegruppe nun für einige Tage durch das Land, um möglichst viel aufzusaugen an Eindrücken und Erlebnissen.
Um 15 Uhr Ortszeit hat die nächtliche Reise ein Ende und alle plumpsen erst einmal auf ihre Hotelbetten, bevor es abends zum offiziellen Dinner mit Vertretern des israelischen Partners – der ULAI (Union of Local Authorities in Israel) - geht. Steffi ist gleich begeistert. "Alle sind total offen und herzlich und sehr interessiert an Deutschland", erzählt sie. Aber auch das, was die deutsche Gruppe über die israelischen Städte erfahren konnte, war nicht minder interessant. Stefanie berichtet von einer Stadt, die erst seit 28 Jahren existiert. 45 Prozent der dort lebenden Menschen seien jünger als 25 Jahre. Für die deutschen Besucher ist das kaum vorstellbar.
Eines aber haben die Städte trotz ihrer Unterschiedlich­keit gemeinsam: "Volunteering" (Freiwilligenarbeit) wird hier groß geschrieben. Im Gegensatz zu Deutschland wird in Israel die freiwillige Arbeit allerdings bereits in den Schulalltag der Kinder und Jugendlichen integriert und ist ein fester Bestandteil ihrer Erziehung. Es gibt Projekte wie "Birthday Angels" oder "You are not alone", bei dem für Eltern, die es sich nicht leisten können, Geburtstagsfeiern für ihre Kinder zu finanzieren, diese durch die Jugendlichen organisiert und komplett eigenverantwortlich durchgeführt werden. Andere Jugendlichen lernen zehn Monate lang an einer Behindertenschulde den Umgang mit behinderten Menschen. In vielen Projekten verschiedenster Art können sich die Jugendlichen engagieren und so bereits früh lernen, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen und sich für eine Sache einzusetzen. "Eine wichtige Qualifikation für ihre spätere berufliche und soziale Entwicklung", findet Stefanie, die die Reise nach Israel für uns nachher in ihre Worte fasst.

In Ma'ale-Adumim traf sich die Gruppe aus NRW
mit jungen Freiwilligen vom örtlichen Jugendrat
Der Besuch in Ussafiye, einer Stadt, die nur von Drusen bewohnt wird, ist der 24-jährigen Finanzbeamtin besonders im Herzen geblieben. "Bevor wir dort ankamen, war ich - ehrlich gesagt - sehr aufgeregt und hatte Sorge, dass es irgendwie komisch wird", sagt sie ganz offen. Doch ihre Sorge stellt sich als unbegründet heraus. Junge Männer führten die Gruppe durch die Stadt und erzählten über ihre Religion und das Leben dort. Am Abend saßen sie alle zusammen. "Die Atmosphäre war toll", sagt Stefanie. Ein Koch hatte für die Gruppe ein typisch drusisches Essen vorbereitet und ein Freund der jungen Männer griff bereits während des Essens zur Gitarre und im Anschluss an das Essen wurde gemeinsam getanzt.

Auch andere anrührende Momente gab es. Schon vor der Abreise nach Israel erzählt Stefanie, dass Freunde und auch Familienangehörige Sorge um sie hätten, weil sie fürchteten, es könne der Reisegruppe in Israel etwas zustoßen. In brenzlige Situationen kamen sie dort nicht. Dennoch war an einigen Orten ein besonderes militärisches Aufgebot präsent. Im Bus bei der Fahrt zwischen zwei Programmorten ergab sich für die 24-Jährige das Gespräch mit einer Israelin, die die deutsche Gruppe begleitete. "Ich weiß, dass jeden Tag eine Bombe hochgehen kann. Aber immer Angst haben, das will ich nicht", sagt ihr diese ganz offen. Ihr Sohn ist 14 Jahre alt und muss bald zum Militär. Ihm will sie keine Angst machen und auch selbst nicht in ständiger Angst ihr Leben fristen.

"Ich habe erzählt, dass ich vor der Abreise nachts nicht schlafen konnte, weil auch ich unsicher war über den Zustand in Israel", berichtet Stefanie. Sie ist beeindruckt von der Offenheit der israelischen Frau, die immer in dieser Situation leben muss. Aber es gebe Projekte, in denen Palästinenser mit Israelis zusammenarbeiten. Projekte, die ein kleiner Anfang sind, um auch das Bild, das die Medien prägen, zu durchbrechen, meint die Finanzbeamtin.

Mit nach Israel genommen hat sie einige schöne Bücher über die Stadt Neuss, in der sie derzeit wohnt und viele Vorstellungen, wie es sein könnte. Zurückgebracht hat Stefanie ein vollkommen anderes Bild vom israelischen Alltag, neue freundschaftliche Kontakte und das Angebot, zu mailen und einfach wiederzukommen.