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Gesundheitsfürsorge bei Dienstrechtsreform mit auf den Tisch
08.09.2014  
Wie sehr sie unter Dauerstrom stehen und wie wenig für einen Ausgleich und die Gesundheit der Mitarbeiter vieler Bereiche des Öffentlichen Dienstes getan wird, darüber gab es nach der August-Aktion der dbb jugend nrw in der Staatskanzlei Zeit zu reden. Hier lest ihr, was die Mitglieder der dbb jugend nrw bei der Übergabe des Positionspapiers dem Staatssekretär Franz-Josef Lersch-Mense zu sagen hatten.
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Junge Beschäftigte protestieren vor Staatskanzlei
Ein deutliches Zeichen gab es gleich zu Beginn der Begrüßung der dbb jugend nrw in der Staatskanzlei: Staatssekretär und Chef der Staatskanzlei, Franz-Josef Lersch-Mense, nahm dort nicht nur das Forderungspapier der jungen Gewerk­schafter entgegen, das an Ministerpräsidentin Hannelore Kraft adressiert war. In einem rund anderthalbstündigen Gespräch transportierten die jungen Beschäf­tigten von Polizei, Feuerwehr, Kommunaldienst, Bahn, Post, junge Lehrer und auch Pfleger anschaulich, welchen täglichen gesundheitlichen Belastungen sie ausgesetzt sind.

Statt Familienleben Doppelschicht

Doppelschichten bei der Polizei, keine zuverlässigen Auszeiten an Wochenenden, Sonderdienste, belastende Situa­tionen im Umgang mit Straftätern und Hilfsbedürftigen - das alles gehört in den Polizeialltag und wird irgendwann über­mächtig, wenn sich kein Ventil findet und die Beamten die Chance auf Regeneration und ein Privatleben bekommen. "Die Statistiken von Krankenkassen und Statistikämtern belegen, wie sehr in den letzten Jahren die Überlastung der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst zu hohen Krankenzahlen und der Zunahme psychischer Erkrankungen führt", sagt der Vorsitzende der dbb jugend nrw, Jano Hillnhütter.

Ausgehend von der Eingangsfrage des Chefs der Staatskanzlei, warum die Anwesenden sich für einen Beruf im Öffentlichen Dienst entschieden haben, nutzten sie die Gelegenheit, nicht nur darauf zu antworten, sondern auch gleich überzuleiten zu den Gesundheitsproblemen, die vielerorts herrschen und durch die demografische Situation sowie Personalengpässe verschärft werden.

Mangelnde berufliche Perspektiven drücken auf Psyche

Was außerdem auf die Psyche drückt: Mangelnde Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln und befördert zu werden. Matthias Kürten, NRW-Landessprecher für die Junglehrer im VBE, nutzte die Gelegenheit, dem interessierten Staatssekretär ein plastisches Beispiel zu geben: "In der Grundschule gibt es nur eine höhere Position, die der Schulleitung." Alternativ dazu habe man keine andere Entwicklungschance. Doch selbst die werde - wie die unzähligen vakanten Rektorenstellen belegen - nicht genutzt, weil sie unter anderem finanziell absolut uninteressant sei.

Der Chef der Staatskanzlei, Franz-Josef Lersche-Mense, im Gespräch mit der dbb jugend nrw
Auch Sabrina Deiter, stellvertretende Vorsitzende der dbb jugend nrw und Polizistin, bemängelte die schlech­ten Beförderungschancen bei zeitgleich immens hoher Belastung und mehr als nur vollem Einsatz. Meist bekämen sie Floskeln zu hören wie "Mehr war nicht drin", mit der die Arbeitgeber die geringen Entwicklungs­möglichkeiten wie auch eine unterirdisch schlechte Gesundheitsfürsorge begründen. Der Teufelskreis aus psychischer Überlastung, berufsbedingten starken körperlichen Strapazen, zunehmender Gewalt gegen Polizeibeamte und mangelndes Verständnis und Fingerspitzengefühl des Dienstherrn könne so nicht durchbrochen werden. "Wenn Kollegen unter diesen Belastungen krank werden, müssen andere ihre Schicht zusätzlich übernehmen und kommen früher oder später in eine ähnliche Situation", führt sie an.

Junge Beschäftigte werden verheizt
Auch in der Kommunalverwaltung kennt man die Situation, dass jungen Menschen, die sich oft noch in der Ausbildung besonders ins Zeug legen, zu viel zugemutet wird und sie als Puffer verheizt werden. Was man hier bräuchte, sei ein gutes Gesundheitsmanagement, das an diesen Stellen helfe, gegenzusteuern. "Doch das gibt es nicht so recht", sagt Christian Dröttboom, Landesjugendleiter der komba in NRW. Das Gegenteil ist der Fall.

Auch in Jobcentern, Ausländerbehörden oder Sozialämtern müssen Mitarbeiter beispielsweise täglich Beleidigungen einstecken und sich vor tätlichen Übergriffen fürchten. Im Vorfeld des Besuchs in der Staatskanzlei berichtete die Kreisjugendleiterin aus Wuppertal, Daria Abramov: "Nach Beleidigung oder in kritischen Situationen hat man oft das Gefühl, alleine da zu stehen und kaum Rückendeckung durch die Vorgesetzten zu haben." Sie würde sich wünschen, dass häufig schneller mit Hausverboten Vorsorge getroffen würde.

Aus dem Pflegebereich berichtete Bojan Hartmann von der VDLA-Jugend, dass die Arbeitsbelastung enorm hoch sei. Nachts sei oft nur ein Pfleger für 28 Patienten zuständig. Am Tag teilen sich die aufreibende Arbeit meist zwei Pfleger. Auszubildende würden im Schichtplan als vollwertige Arbeitskraft gerechnet, obwohl sie Anleitung bei der Arbeit benötigen. Der Pflegeberuf werde zunehmend unattraktiv.

Staatssekretär hält Bewerbersituation für ausreichend - dbb jugend nrw nicht

In allen Bereichen des Öffentlichen Dienstes bemerkt man die schwindende Attraktivität des Arbeitgebers durch die immer schlechter werdende Qualität der Bewerber. Auch wenn der Staatssekretär diese für insgesamt zufriedenstellend hält, sehen das die Beschäftigten anders: Im Pflegebereich ist kaum noch Personal zu finden, so Bojan Hartmann. Im Schuldienst greift man unter anderem aus Bewerbermangel auf Seiteneinsteiger zurück, die den Lehrerberuf nicht erlernt haben, widerspricht Matthias Kürten.

"Es muss dringend an diesen krank machenden Strukturen gearbeitet werden", forderte Hillnhütter für die dbb jugend nrw. Staatssekretär Lersch-Mense sagte das zu. Die Landesregierung sei sich dieses Themenfeldes bewusst. Im Rahmen der Dienstrechtsreform werde er neben den Schilderungen der jungen Beschäftigten auch das Forderungspapier der dbb jugend nrw mit auf den Tisch bringen.
"Das werten wir als kleinen ersten Erfolg auf unserem Weg der gesundheitlichen Entlastung", sagt Jano Hillnhütter im Nachgang des rund anderthalbstündigen Gesprächs. "Es zeigt, dass die Landesregierung mehr als nur eine Rückenschule und eine bewegte Mittags­pause für ausreichend hält", betont er. Kritisch aber sieht der gewerkschaftliche Jugenddachverband die Ankündi­gung, eine Gesundheitsfürsorge müsse in jedem Fall kostenneutral erfolgen. "Das kann nicht klappen und aus diesem Grund werden wir das Thema weiter verfolgen und immer wieder ansprechen", kündigte der Chef der dbb jugend nrw an.

Im Anschluss an ihre August-Aktion übergab die
dbb jugend nrw ein Forderungspapier