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Normale Dinge funktionieren nicht - Wunder aber gibt es jeden Tag
06.08.2015  
Sich als Vertreter eines im Ausland namenlosen Verbandes auf den Weg zu machen, um Kontakte zu knüpfen, ist eine mutige Sache und zudem ein Stück Geschichte der dbb jugend nrw. Einen gibt es, der erinnert sich an einen Brief einer nichtssagenden Organisation aus Deutschland. Hätte es diesen Brief nicht gegeben, wäre die dbb jugend nrw um einen Austauschpartner und viele Erlebnisse ärmer. Hier lest ihr von einer Freundschaft, die Kriege und Krisen überdauert hat.

Bei einem der ersten Besuche 1977 organisierte die dbb jugend nrw für ihre israelischen Gäste einen Besuch im nordrhein-westfälischen Landtag
In einem Jahr, in dem unzählige Jubiläen zusammen­fallen, ist es an der Zeit, mal in der Geschichtskiste des Verbandes zu kramen. Und da lässt sich einiges finden, das 50 Jahre diplomatische deutsch-israelische Beziehungen, 60 Jahre deutsch-israelischen Jugend­austausch und 39 Jahre Austausch der dbb jugend nrw mit der Union of Local Authorities, dem Israelischen Städte- und Gemeindebund, in einem besonderen Licht erstrahlen lassen.

Wie alles begann


"1976 erhielten wir ein Gesuch einer Organisation, deren Namen wir nicht kannten, und deren Funktion uns ein Rätsel war. Die Organisation war auf der Suche nach einer israelischen Partnerorganisation. Wir wussten nicht warum, aber wir sagten 'Ja'!", so erinnert sich Avi Rabinovitch, der zu dieser Zeit Vize-Generaldirektor des israelischen Städte- und Gemeindebundes war.
Drei Jahre zuvor begann das, was heute zum festen Austauschprogramm der dbb jugend nrw gehört, als zartes Pflänzchen mit ersten Studienfahrten nach Israel. Auf Initiative von Jochen Börger, damals Geschäftsführer des gewerkschaftlichen Jugenddachverbandes, mach­ten sich 45 Personen auf den Weg in das fremde Land, das als Perle des Nahen Ostens viele neugierig machte. Sie kamen mit vielen Eindrücken zurück, "acht Tage, bevor der Jom-Kippur-Krieg begann", weiß Jochen Börger heute noch ganz genau.

Wie die dbb jugend nrw sich einen Namen machte

An jenem Samstag, an dem in Israel der höchste jüdische Feiertag - Jom Kippur - gefeiert wurde, griffen ägyptische und syrische Einheiten Israel am Sueskanal und den Golanhöhen an. Was dann folgte, kostete das Land unzählige Menschenleben. Doch auch die angespannte Lage im Nahen Osten verhinderte nicht das Zusammenwachsen zweier Organisationen, die sich zu Beginn so fremd waren. Später fanden über die dbb jugend nrw und den Israelischen Städte- und Gemeindebund so bedeutende Treffen statt, dass auch die Staatskanzlei, das Jugendministerium und hohe Einrichtungen Israels mit beiden etwas verbinden konnten.

Bange Momente mit Gasmasken

Persönlichen Kontakten ist es zu verdanken, dass diese Verbindung auch politisch schwierige Zeiten überstehen konnte. "Am Tag nach dem Beginn des Golfkrieges 1991 erhielt ich um Mitternacht einen Anruf des El Al-Büros in Frankfurt. Sie teilten mir mit, dass der einzige Passagier an Bord einer Maschine nach Tel Aviv behauptete, mich zu kennen und baten mich, ihnen dies zu bestätigen. Mir war gleich klar, dass die einzige Person, die mutig genug wäre, in so einem Moment nach Israel zu reisen, Jochen Börger sein musste", schreibt Avi Rabinovitch.

In Rabinovitchs Haus in Tel Aviv saßen die beiden während vieler Angriffe mit Gasmasken vor den Gesichtern. Darauf gründete sich ein tiefes Vertrauen, von dem ein ganzer Verband profitierte. Auch Manfred Gryschek, ehemaliger Kreis­jugend­leiter der dbb jugend Köln kann mittlerweile Israel als seine zweite Heimat bezeichnen. "Inzwischen war ich 51 Mal dort", erzählt er. Bis heute führt er - wenn auch nicht mehr für die dbb jugend nrw - Austauschmaßnahmen dorthin durch und ist zweimal pro Jahr in Israel.

Mitten im Krieg Bäume für den Frieden pflanzen
Zum Teil standen Gryscheks Besuche unter ganz an­deren Vorzeichen als heutzutage. "Im Herbst 1987 startete die erste Intifada (gewalttätige Auseinander­setzung zwischen den Palästinensern und der israelischen Armee). Wir flogen unter riesigen Sicher­heits­vorkehrungen und keiner wusste so richtig, was eigentlich los war", sagt Manfred Gryschek. Bestimmte Stellen habe man nicht anfahren können, vor Nazareth brannten Autoreifen. Doch unsicher fühlte sich niemand. „Mit einem Konvoi aus 60 Bussen und 1200 inter­natio­nalen Gästen fuhren wir durch Jerusalem, um Bäume für den Frieden zu pflanzen. Das war möglich“, sagt Gryschek. Auch während der zweiten Intifada riss der Kontakt nicht ab. "Die Israelis haben uns die Angst ge­nommen, indem sie uns immer gesagt haben: 'Wir leben hier. Dieser Zustand ist Normalität.'" Die brenzligste Situation, an die er sich erinnern könne, sei die gewesen, als er 2012 in Tel Aviv im Hotel vor der Dusche in einer Wasserpfütze gestanden habe und ihm in der Hand der Fön explodiert sei.

Ein Jugendtagung zur 'Reichspogromnacht' fand
1998 mit 60 Jugendlichen aus NRW und Israel statt
Häufig habe er gesehen, dass sich die Situation im Land ganz anders darstellte als es in den Medien hierzulande herüberkam. Das führte mitunter auch zur Sorge Angehöriger, die den Eindruck gewannen, es herrsche Krieg, während ihre Familienangehörigen dort waren. "Es war schwer, diese Angst zu nehmen, denn von unterwegs konnten wir meist nicht anrufen. Es gab ja noch keine Handys", sagt Gryschek. Heute sei der Kontakt viel einfacher geworden. "Über die Social Networks kann man mit Freunden und Verwandten Kontakt halten und sie auch informieren."

Zahlreiche Delegationen der dbbj nrw besuchten in den letzen 39 Jahren Israel - hier im Jahr 2000
Eine verhängnisvolle Fehlannahme

Oft stellten sich aus der Ahnungslosigkeit heraus Dinge im fremden Land vollkommen anders dar. "Ich weiß noch von einem Aufenthalt, da meinten Teilnehmer aus Köln, es seien Raketen geflogen. Sie bekamen große Angst. Tatsächlich wurde aber eine arabische Hochzeit gefeiert und es war ein Feuerwerk, das gezündet wurde."

Wichtig sei bei allen Reisen ein ortskundiger Begleiter, denn die Situationen im Land könnten wechseln und nur die Einheimischen könnten das richtig einschätzen. Was ihn bis heute am meisten fasziniert: "Normale Dinge funktionieren dort oft nicht, aber Wunder passieren jeden Tag", scherzt er und erzählt von der orientalischen Mentalität, die bei den Israelis dazu führe, dass sie immer erst sehr spät beginnen, Dinge konkret in die Hand zu nehmen und zu organisieren. Ein Wesenszug, der einem Deutschen in der Regel besonders fremd ist.
"Wenn ein Bus um neun Uhr losfahren soll, dann meint man, es reicht um zehn Uhr da zu sein und doch kommt der Bus nicht", sagt Gryschek. So geschehen bei einer seiner Austauschaktionen. Ein anderes Mal sollte ein Bus die deutsche Reisegruppe an der Jugendherberge abholen, stand dann aber vor der Philharmonie oder der Busfahrer suchte seine Route durch die Stadt per Handy-App für PKW und rauschte falsch herum durch Einbahnstraßen. "Mit dieser Mentalität muss man umgehen lernen, wird aber durch die herzliche Gastfreundschaft vielfach entschädigt."
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Die dbb jugend nrw hat sich darauf eingestellt. Durch ihre vielen Aus­tausch­aktionen sind die Freundschaften auf beiden Seiten gewachsen und man hat gelernt, sich bei aller Andersartigkeit aufeinander zu verlassen. All das ist zur Grundlage für einen Kontakt geworden, der von sich behaupten kann, auch in Zeiten von Krisen und Not Bestand zu haben.