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Vom Finanzamts-Schreibtisch in die Flüchtlingshilfe
02.11.2015  
Der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab. Das veranlasste den NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans vor einigen Wochen zu einem Aufruf, dem rund 500 Beschäftigte der Finanzverwaltung gefolgt sind. 240 von ihnen haben ihren Schreibtisch jetzt verlassen und treten ihren Dienst in der Flüchtlingshilfe an. Wir haben mit Bernd Ohrendorf gesprochen. Er ist einer von ihnen.

Den 29-jährigen Finanzbeamten Bernd Ohrendorf erreichte die Nachricht übers Intranet. Nachdem in diesem Jahr allein in NRW beinahe 90.000 Flüchtlinge angekommen sind und es täglich rund 100 mehr werden, sieht NRW-Finanz­minister Walter-Borjans Handlungsbedarf. Auch die Finanzbeamten sollen sich einbringen und konkret bei der Unterbringung, Betreuung und Zuweisung der flüchtenden Menschen helfen. Sie sind aufgerufen, sich freiwillig während ihrer Dienstzeit fernab ihrer normalen Einsatzgebiete um diese Dinge zu kümmern. Denn Schätzungen zufolge sollen es bis zum Jahresende 180.000 Menschen sein, die hierzulande Hilfe suchen.

"Ich habe Respekt vor der Aufgabe"
Fokus "Flüchtlinge"
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Damals Flüchtling, heute Flüchtlingshelferin
Bernd zögert nicht lange und meldet sich. Auch wenn er weiß, dass es in erster Linie um organisatorische Unter­stützung in den Unterkünften geht, macht er sich Gedanken darüber, was auf ihn zukommen wird: "Sicherlich werden wir unter­schiedliche Eindrücke sammeln. Schließlich sind viele Menschen dabei, die einiges hinter sich haben." Er ist sich sicher, dass ihn der Kontakt schleifen wird und ihn die Eindrücke ergreifen werden. "Ich habe darum Respekt vor der Aufgabe", fährt er fort.

Zusammen mit rund 240 weiteren Freiwilligen tritt er nun eine Aufgabe an, die noch nicht so recht zu überblicken ist und über die der Finanzminister zu sagen weiß: "Auf die nordrhein-westfälischen Finanzbeamten ist Verlass." Bernd Ohrendorf allerdings sieht zwar auch das große Ganze, doch er handelt aus persönlichen Motiven: "Die Arbeit mit Flüchtlingen liegt mir am Herzen", erklärt er. Vor einiger Zeit hat er darum auch ein Sabbatjahr bei der Finanzverwaltung eingelegt und ist für ein Jahr nach Uganda gegangen. Dort arbeitete er ehrenamtlich mitten im Busch. "Das war eine sehr prägende Erfahrung", sagt er rückblickend und hat darum für sich persönlich eine sehr genaue Vorstellung davon, was es heißt, nun in der Flüchtlingshilfe aktiv zu werden.

Schon einmal im Sabbatjahr über den Tellerrand geschaut

Viele Beschäftigte im Öffentlichen Dienst sind
in die Flüchtlingshilfe eingebunden
"In Afrika habe ich Dinge gesehen, die mich hier einige Sachen leichter sehen lassen. Umgekehrt bin ich allerdings auch froh, dass wir hier über umfassende Steuerungssysteme verfügen", sagt er. Jetzt in der Flüchtlingshilfe aktiv zu werden, sieht er als Chance, für sich selbst festzustellen, auf welch hohem Niveau hier­zulande oft geklagt werde. "Ich denke, dass man bei allem, was man sehen wird, zur Besinnung kommt und dankbar wird für die Dinge, die man hat."

Indirekte Berührungspunkte gab es für den 29-Jährigen schon vorher. Auch Bekannte haben ehrenamtlich Auf­gaben in der Flüchtlingshilfe übernommen und davon erzählt. "Da habe ich mich in den letzten Wochen selber gefragt, wo ich helfen könnte", sagt Bernd. Jetzt hat er die Chance, das zu tun, ohne ein Risiko in Hinblick auf seinen Job eingehen zu müssen.

Verständnis der Bürger ist gefragt
Wohl aber ist ihm bewusst, dass diese Regelung tiefe Löcher in Belegschaftszahlen reißen wird und auch die Kollegen, die am Schreibtisch zurückbleiben, indirekt von der Flüchtlingshilfe betroffen sind. Sie werden die Lücken füllen müssen, die die freiwilligen Helfer in den Ämtern hinterlassen. "Besonders in Anbetracht der hohen Zahl - es sind von der Zahl der Mitarbeiter her betrachtet zwei ganze Finanzämter, die nun statt Steuervorgänge zu bearbeiten Flüchtlingshilfe leisten", sagt Jano Hillnhütter, Chef der dbb jugend nrw. Das ist auch dem Finanzminister bewusst. Doch schaut er optimistisch in die Zukunft: "Was mich besonders freut ist, dass viele Bürgerinnen und Bürger Verständnis dafür äußern, wenn es wegen der Hilfsbereitschaft der Finanzbeamten auch zu Engpässen und zeitlichen Verzögerungen kommt. Unser Ziel ist es aber, das so weit wie möglich zu vermeiden."