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Ernst gemeinte Hilfe: Polizisten im Zwölf-Stunden-Einsatz
17.11.2015  
Deutschland steht Kopf. Schon seit Monaten kommen auch in NRW täglich tausende Flüchtlinge an. Diese riesige Aufgabe beschäftigt auch die Polizei auf ganzer Linie. Neben den Berührungspunkten, die die Beamten ohnehin haben, entscheiden sich aus den Reihen der Beamtinnen und Beamten viele für die gezielte Arbeit in der Flüchtlingshilfe. Wie viele, das lest ihr hier.

Ob es um den Schutz gerade ankommender Flüchtlinge geht oder Streit in voll belegten Übergangsunterkünften mit nur wenig Möglichkeiten zum Rückzug - es sind Situationen, die die Polizei jeden Tag mehrfach beschäftigen. Ebenso wie Demonstrationen, die mancherorts immer wieder an der Tagesordnung sind. Einfach nur, um Stimmung zu machen gegen die Hilfesuchenden.
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Damals Flüchtling, heute Flüchtlingshelferin
Wir waren schon auf Demos in Dortmund oder bemerken zunehmend, dass wir zu Spontanveranstaltungen gerufen werden", erklärt Sabrina Deiter, selbst Polizistin und stellvertretende Landesjugendleiterin der dbb jugend nrw. Ende August kam dann ein Erlass des Innenministers. Er richtete sich an die Beamten aus den Hundertschaften, sich freiwillig abordnen zu lassen in die Flüchtlingshilfe. "Eine Hundertschaft besteht aus drei Zügen und aus jedem Zug wurden zwei Kollegen gesucht, die zeitlich begrenzt ihren Dienst rund um die Flüchtlingshilfe tun wollen", erzählt Sabrina Deiter. In Summe kamen auf diese Weise rund 110 Polizisten zusammen - fast so viel wie eine Hundertschaft.

Nur so können Familien wieder zusammenfinden

Sie helfen nun nach der Ankunft der Flüchtlinge in der Erst-Erfassung und nehmen die Personalien der Menschen auf. "Wichtig ist auch, in Erfahrung zu bringen, ob sie mit oder ohne weitere Familienangehörige unterwegs waren", sagt Deiter. Nur auf diese Weise lässt sich herausfinden, ob womöglich Familien über mehrere Städte verstreut ankommen. Und nur so kann man sie später wieder zusammenführen.

Dienst nach Vorschrift tut hier keiner. "Die Kollegen berichten, dass sie oft zehn bis zwölf Stunden im Einsatz sind", berichtet die stellvertretende Landesjugendleiterin. Die Eindrücke, die sie in der Flüchtlingshilfe sammeln, lassen sich nicht immer leicht wegstecken. Oft sehen sich die Beamten mit Menschen konfrontiert, die gezeichnet sind von den Strapazen ihrer Flucht. "Die haben nichts mehr. Teils nicht mal mehr Bekleidung außer der, die sie am Körper tragen", sagt Sabrina Deiter. Wenn man dann abends in sein eigenes Auto steigt, um nach Hause zu fahren, kann das seltsame Gefühle wecken. "Wir können dahin fahren, wo wir alles haben und wo es uns gut geht", so gibt Deiter die Eindrücke wieder, die ihr Kollegen schildern.

Sabrina Deiter berichtet vom Einsatz ihrer Polizeikollegen im Rahmen der Flüchtlingsarbeit
Dünnhäutig, erschöpft und verängstigt

Auch in den Unterkünften wird an vielen Stellen sichtbar, wie dünnhäutig und sensibel die Flüchtenden sind. Abläufe, die hierzulande niemanden weiter stören würden, können in einer Flüchtlingsunterkunft zu Hysterie und Angst führen. In den Erstaufnahmestellen sind mancherorts Drucker installiert, damit man den Menschen nach ihrer Erfassung ein entsprechendes Doku­ment ausdrucken und aushändigen kann. "Wenn der Drucker streikt und man versucht, den Menschen zu erklären, dass sie das Papier am nächsten Tag bekom­men, werden sie unruhig", schildert Deiter. Offen­sicht­lich hatte sich unter ihnen herum­gesprochen, dass es sich bei dem Dokument um ein existenziell wichtiges Papier handelt.

Solcher von Verzweiflung getriebener Situationen wieder Herr zu werden, ist nach den Fluchterfahrungen der Be­troffe­nen alles andere als leicht. Zudem ist das Zusammentreffen mit den wohlwollenden deutschen Uniformierten in einigen Fällen ohnehin mit Unsicherheit und Angst behaftet. Aufgrund ihrer Erfahrungen wirkt eine Dienstuniform furcht­ein­flößend.

Aus diesem Grund sei zunächst überlegt worden, die dort diensthabenden Beamten in Zivilkleidung in die Unterkünfte zu schicken. Doch man entschied sich dagegen. Nicht zuletzt auch, um anderen Helfern vor Ort deutlich zu signalisieren, an wen sie sich in schwierigen Situationen wenden können.

Wie in vielen anderen Bereichen des Öffentlichen Dienstes zeigt sich auch hier, dass das Abordnen von Kollegen spürbare Auswirkungen auf die hat, die in den Dienststellen der Hundertschaften den Job machen, den sie beruflich immer tun. Überall wird es personell eng. "Dienstfrei zu bekommen ist nicht mehr so einfach möglich."