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dbb jugend nrw stark in der Behindertenarbeit
17.12.2015  
Rund 170.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland leben mit einem körperlichen oder geistigen Handicap. Sie werden noch schneller zu Opfern von Gewalt als andere Kinder, belegen die Statistiken. Die dbb jugend nrw setzt sich durch gezielte Schulungen dafür ein, vor allem Mädchen mit Handicap präventiv zu unterstützen. Hier lest ihr von unserem Projekt und davon, warum wir das machen.

Einschränkungen verschiedener Art zu haben, das lässt viele junge Mädchen mit Handicap klein werden, unsicher und hilfsbedürftig. "Oft wird den Kindern von Beginn an mit auf den Weg gegeben, dass sie auf Hilfe anderer angewiesen sind", erklärt Martina Kuschel, Sozialpädagogin und WenDo-Trainerin aus Krefeld. Sie führt mit ihrem Team WenDo-Selbstbehauptungskurse durch für Mädchen mit Behinderung und macht sie damit ein Stück größer und stärker. "Das hilft den Mädchen, sich besser zu behaupten und weniger schnell Opfer sexueller Gewalt zu werden", sagt Kuschel.
Eine lange Erfolgsgeschichte

Seit 2003 gehören diese Schulungen zum Konzept der dbb jugend nrw. Damit leistet der Verband neben der gewerkschaftlichen Arbeit einen wesentlichen Beitrag zur Kinder- und Jugendarbeit in NRW. Neu startete in der vergangenen Woche eine Schulung, die sich an ehren­amtliche Helfer im Freiwilligen Sozialen Jahr wendet.

"Sie kommen von der Schule in diesen Bereich und erlernen in den Schulen und Betreuungseinrichtungen meist in erster Linie die Abläufe und Tätigkeiten in der Arbeit mit den Menschen mit Handicap", erzählt Kuschel. Wie schnell sie jedoch selbst in Situationen geraten, die problematisch werden können, haben die meisten nicht gegenwärtig. Darf sich ein Mädchen auf den Schoß eines Ehrenamtlichen setzen. Darf er eines der Kinder umarmen?
(c) by Vinzenz-Heim, Aachen
Seit 2003 stärkt die dbb jugend nrw Mädchen und junge Frauen mit Handicap
Ehrenamtliche im Freiwilligen Sozialen Jahr gezielt schulen

"Uns ist wichtig, die jungen Ehrenamtlichen für schwierige Situationen zu sensibilisieren und das Tabu zu brechen, seltsam erscheinende Dinge totzuschweigen, sondern sie anzusprechen. Denn gerade mit dem frischen Blick von außen sehen sie möglicherweise viel eher Seltsamkeiten als 'alte Hasen'", sagt Kuschel weiter.

Was gerade erst als Pilotschulung gestartet ist, zeigt sich nun schon als Erfolg - bleibt doch im Alltag der Arbeit für eine so konzentrierte Reflektion selten Zeit. Nach wie vor finden im Schwerpunkt jedoch Schulungen für Mädchen mit Handicap statt. Der Fokus liegt darauf, sie anzuleiten sich selbstbewusst selber zu schützen.

Die Hälfte der Kinder mit Handicap wird Opfer sexueller Übergriffe

Was es heißt Opfer von Gewalt zu werden, wissen viele Beschäftigte des Öffentlichen Dienstes selbst. Immer häufiger werden sie im Job angegriffen, beschimpft und verletzt. Zwar nehmen solche Angriffe zu, doch sind sie nicht zu vergleichen mit dem Leid und der Diskriminierung, die junge Menschen mit Handicap erleben. Fast die Hälfte aller in Wohnheimen lebenden Kinder mit Behinderung erfahren irgendwann in ihrem Leben außerhalb der Einrichtung sexuelle Gewalt. Sie werden zu Opfern, weil sie nicht weglaufen können oder stumm sind und nicht nach Hilfe rufen können. Zu sexuellen Übergriffen kommt es aber auch in Schulen oder andernorts.

"In den Selbstbehauptungstrainings lernen die Mädchen, sich bei Gefahr mit allen Mitteln zu entziehen, sich verbal und körperlich zu wehren und sich Hilfe zu holen", erklärt Trainerin Martina Kuschel. Das ist auch in anderen Situationen der Bedrängnis wichtig. Oft sei den Kindern anerzogen worden, sich unauffällig und still zu verhalten. Was in manchen Situationen angemessen sein mag, ist in übergriffigen Situationen schlecht.

Wie ein Mädchen sich selbst hilft

Kuschel erzählt, wie ein Mädchen in seiner Klasse stets gehänselt, angegangen und ausgegrenzt wurde. Im Selbst­behauptungs­training spricht Kuschel darum immer die Erlaubnis aus, sich wehren zu dürfen oder Hilfe holen zu dürfen. Das wirkte bei dem Kind Wunder. Kurz darauf berichtet eine Lehrerin, wie das Kind sich aktiv aus bedrohlichen Situationen befreite, indem es einfach wegging und sich neben die Lehrerin stellte. Vorher wäre das undenkbar gewesen.

Um den Kindern Mut zu geben, üben sie vieles ganz praktisch. Fest dazu gehört es auch, zu Beginn eines Trainings ein Brett durchzuschlagen. "Das stellt zunächst viele vor eine scheinbar unlösbare Aufgabe. Sie halten sich für zu schwach, haben Angst sich zu verletzten oder trauen sich das nicht", berichtet Kuschel. Oft ist es ein langer Weg bis zum Ziel. "Stellen wir uns ein Mädchen im Rollstuhl vor. Das kann nicht gegen das Brett treten und auch von oben schlecht die nötige Durchschlagkraft aufbringen", so die Trainerin. Allein eine geeignete Position zu finden, in der man das Brett zerschlagen kann, ist ein riesiges Problem. "Wenn es am Ende geschafft ist, fließen nicht selten Tränen vor Stolz und Freude. Und das nicht nur bei den Mädchen. Die erfahrenen Trainerinnen-Teams sind nah an den Kindern und freuen sich mit über solch durchschlagende Erfolge. Sie sind der Beweis dafür, dass für unmöglich gehaltene Dinge Wirklichkeit werden können, wenn man nur den Mut dazu aufbringt.