impressum kontakt drucken suchen
 
Startseite Die dbbj nrw Aktuelles Arbeitsfelder Seminare Fotoalben Downloads
Vier Wochen aus dem Job, um sich einen Traum zu erfüllen
22.12.2015  
Nicht alleine in einer Sache unterwegs sein zu wollen, das liegt im Wesen des Menschen. Doch es müssen nicht immer gewerkschaftspolitische Dinge sein, die uns einen. Manchmal sind es große Wünsche, deren Erfüllung ein lang gehegter Traum ist. Wie bei Sarah Tegethoff. Hier lest ihr von ihrem Traum und was sie dabei erlebt hat.

Vor einigen Jahren ging es durch die Schlagzeilen: "Ich bin dann mal weg" heißt das Buch, in dem Hape Kerkeling seine Reise auf dem Jakobsweg beschrieb. Er hat sie im Jahr 2006 gemacht. Seitdem auch Sarah Tegethoff das Buch gelesen hat, hat es die Bochumerin nicht mehr losgelassen. Jahrelang schlummerte in ihr die Idee, sich selbst auch auf den Weg nach Santiago de Compostela zu machen. Als dann im Mai dieses Jahres eine ihrer Freundinnen verkündete, den Jakobsweg zu laufen, war für sie endlich klar: Das mache ich auch.

Wer macht die Arbeit und wer pflegt Oma?

Was sich so einfach denkt, ist jedoch schwer getan. Denn der Pilgerpfad ist nicht in einer Woche gelaufen. Es ist klar, dass dafür viel Urlaub draufgehen wird. Vier Wochen, rechnet Sarah sich aus. Die überhaupt zusammenhängend zu bekommen, ist nicht selbstverständlich. "Normalerweise nimmt man maximal drei Wochen am Stück", erklärt sie uns. "Doch der anstehende Wechsel zwischen zwei Arbeitsstellen und die Unterstützung eines Arbeitskollegen kamen mir zur Hilfe", berichtet sie weiter.
Doch um den Traum Wirklichkeit werden zu lassen, musste sie noch eine weitaus schwierigere Hürde meistern. "Ich pflege meine 92-jährige Oma", erzählt Sarah. Jeden Tag schaut sie bei der alten Dame nach dem Rechten. "Sie ist geistig noch top fit, sieht aber fast nichts mehr", sagt Sarah. Ihre Oma ist daher auf Hilfe angewiesen. Einfach "Ich bin dann mal weg" zu sagen, ist da nicht möglich. Erst muss die Bochumer Kombanerin eine familiäre Vertretung finden. Als ihre Schwester zusagt, die tägliche Pflegeaufgabe zu über­nehmen, steht dem Traum nichts mehr im Wege und für die Wander- und Outdoor-Begeisterte konnte aus dem großen Traum Wirklichkeit werden.

Schnell laufen für ein freies Herbergsbett

Mit Kay und Betty hat Sarah (2.v.l.) ihre perfekten Reisebegleiter für den Jakobsweg gefunden

"Pausen sind enorm wichtig", sagt Sarah: "Um Kraft
zu tanken und die schöne Landschaft zu genießen"
Noch zu Hause plant sie die Reise, die für sie im Norden Spaniens beginnen soll. "Die Route vorbei an der spanischen Küste war zum Teil anspruchsvoll, aber vor allem landschaftlich schön", sagt sie. Eine Schwie­rig­keit allerdings ließ sich auf dem Reißbrett zu Hause schwer planen: "Die Herbergen liegen auf dieser Route zum Teil sehr weit auseinander." Manchmal waren nur zehn Kilometer zu überwinden, doch manchmal waren es 25. "Und wenn man nicht früh genug los geht, kann es passieren, dass Herbergen auch schon komplett belegt sind und man weiterlaufen muss", berichtet Sarah von ihren Erfahrungen.

Besonders auf den letzten hundert Kilometern, auf denen immer mehr Menschen zusammen auf dem Weg zum einzigen Ziel Santiago de Compostella sind, sind die Herbergen schnell voll. Die knüppelharte Alternative waren Hallen. "Das war sehr anstrengend, denn manch­mal mussten wir in den Sporthallen auf dem blanken Fußboden schlafen." Es herrscht ein strenges Regiment unter den Pilgern. "In einer Herberge durfte man nicht mehr als zwei Nächte am Stück bleiben, außer man war schwer krank", so Sarah. Oft kommt sie hier nicht richtig zur Ruhe. Der Lärmpegel ist zu hoch, ständig läuft jemand umher, die Luft ist stickig und es gibt eine Dusche und eine Toilette für 40 Personen.
Sie plant, dass sie im Schnitt 27 Kilometer laufen will. Dann wäre sie in 30 Tagen am Ziel. Von zu Hause aus festlegen ließ sich hingegen nicht, ob sie allein unter­wegs sein würde oder nicht. "Ich bin nicht davon aus­ge­gangen, dass ich jemanden treffe, mit dem ich längere Zeit gemeinsam laufen werde", gesteht sie. Doch dann kommt alles anders: "Ich lernte den perfekten Begleiter kennen und hätte rückblickend keinen anderen haben wollen", sagt sie. Zwei Wochen läuft sie vom ersten Tag an mit ihm gemeinsam, dann trifft sie auf eine zweite Person, die sich ihnen anschließt. "Alles hat gepasst. Wie sind gleich schnell unterwegs gewesen und sprachen alle Deutsch."

Warum macht man das alles?

Am Ende eines Wandertages warten viele Pilger
vor der Herberge und hoffen auf einen Platz
Was aber bringt jemanden dazu, sich für einen Monat von allen Routinen und aller Sicherheit loszusagen und sich zu Fuß auf den Weg zu machen? Der Wunsch, eine spirituelle Erfahrung zu machen, war es für Sarah nicht. "Ich bin nicht mit dem Ziel gestartet, etwas in meinem Leben verändern zu wollen. Ich wollte einfach nur Ruhe finden", sagt sie ganz offen. Mit auf die Reise nahm sie auch ihre Wanderfreude und die Lust, draußen an der Natur zu sein.

"Schon vor dem Start habe ich sämtliche Foren im Internet durchforstet, um möglichst viele Informationen darüber zu bekommen, was ich mitnehmen muss." Schnell stand für sie fest: Es muss möglichst wenig Gepäck sein, denn das muss sie - neben sich selbst - täglich mit sich herumschleppen. Am Ende sind es "zwei Unterhosen, eine Regenjacke, ein Ultraleicht-Schlafsack und ein Ultraleicht-Handtuch, um das Gewicht auf ein Minimum zu reduzieren", so beschreibt sie ihr eisernes Vorgehen. Am Ende schnallt sie sich acht Kilo auf den Rücken. Nicht mehr und nicht weniger.

Nach mehr als 700 km ist Sarah endlich in
Santiago de Compostela angekommen
Das macht ihr den Weg leichter - zumindest dann, wenn es nicht regnet. Bei einer Schlechtwetterfront kann solch eine Mammut-Tour zum Kampf werden. Sarah schafft es. "Manchmal war es stressig. Vor allem auf den letzten hundert Kilometern. Da wurden es immer mehr Menschen und wir fanden immer schlechter Schlaf­plätze", sagt sie. So schwer wie sie es sich selbst machte, machten es sich viele andere nicht. "Es hatte schon Formen von Massentourismus. Manche schickten ihr Gepäck mit dem Taxi zum nächsten Zielpunkt und nahmen selbst nur Wasser und Verpflegung mit", erinnert sich Sarah. "Wäre der ganze Weg wie das letzte Stück gewesen, wäre es für mich kein Erfolg gewesen", gibt sie unumwunden zu.

Was am Ende bleibt
Fotoalbum
>>>
Hier findest du noch mehr Fotos von Sarahs Tour
Doch diese Reise hat alle ihre Sinne beansprucht. "Man ist zwischendurch hungrig und wütend oder kann sich selbst nicht mehr riechen", beschreibt sie die zwiespältigen Gefühle, die unter der Anstrengung aufkommen können und mit denen man klar kommen muss. Doch am Ende ist es geschafft. Sogar früher als berechnet. Eine Erfahrung, die sie stolz macht. Wiederholen will sie es trotzdem nicht: "Ich mache nie irgendwo zweimal Urlaub", sagt Sarah augenzwinkernd.