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Gefährlicher Einsatz: Polizeianwärter schieben Dienst an Karneval
03.02.2016  
Um eine starke Polizeipräsenz zu Karneval zu zeigen, sollen nach Willen von NRW-Innenminister Ralf Jäger auch junge Polizeianwärter aus dem zweiten und dritten Ausbildungsjahr mit auf die Straße. Für die dbb jugend nrw ist das reine Augenwischerei - und gefährlich noch dazu.

Eine eskalierte Situation mit sexuellen Übergriffen und Diebstählen wie in der Silvesternacht in Köln - so etwas soll sich an Karneval nicht wiederholen. Aus diesem Grund sollen rund 2.500 Polizisten über die Karnevalstage vor allem in den Hochburgen Sicherheit und Stärke demonstrieren. Mit auf der Straße sein werden dann auch Polizeianwärter, die ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen haben. Für die Anwärter im dritten Ausbildungsjahr galt dies in den vergangenen Jahren schon. In diesem Jahr neu und nach Auffassung vieler erfahrener Polizeibeamten problematisch: Diesmal werden auch Polizeianwärter aus dem zweiten Ausbildungsjahr auf die Straße geschickt.
(c) by Marco2811 / fotolia.com
Über die Karnevalstage sollen Polizeianwärter die polizeilichen Einsatzkräfte in NRW verstärken
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"Diese Studenten sind nicht voll ausgebildet. Sie dürfen zum Beispiel keinen Schlagstock mit sich führen und haben so lediglich Pfefferspray und eine Dienstwaffe als 'ultima ratio' mit dabei", sagt ein Polizeikommissar im Gespräch mit der dbb jugend nrw. Er fühlt sich nicht wohl bei diesem Gedanken. Er weiß, dass die jungen Kolleginnen und Kollegen auf der Straße motiviert und engagiert bei der Sache sein werden. Er weiß jedoch durch seinen eigenen Dienst bei zahlreichen Einsätzen und Großveranstaltungen sowie durch seine Routine als Polizist, wie wichtig es ist, verschiedene Handlungs­optionen zu haben und im Bedarfsfall auf die gesamte Bandbreite von Einsatzmitteln zurückgreifen zu können. Auch sorgt ihn, dass die jungen Kollegen mit dem Einsatz in den Karnevalshochburgen in Situationen gebracht werden, in denen sie noch niemals zuvor waren.
"In dem Praktikum, das sie absolviert haben, waren sie in Bereichen wie der Unfallaufnahme eingesetzt. Das ist nicht zu vergleichen mit Großeinsatzlagen wie in Köln und Düsseldorf. Dort werden Millionen Menschen unterwegs sein, vielen von ihnen alkoholisiert. Da fehlt die Praxis vollkommen", sagt der ausgebildete Polizist. Er fürchtet trotz der hohen Motivation, dass es in brenzligen Situationen zu Fehlentscheidungen kommen kann. "Es ist zwar eine 7:1-Betreuung vorgesehen, aber in kritischen Lagen muss schnell gehandelt werden. Wie soll da ein Tutor sieben Schützlinge gleichzeitig unterstützen?"

Geplant ist laut Innenminister Jäger zwar, die Schützlinge in unkritischen Bereichen einzusetzen, doch bleibe dabei vollkommen unberücksichtigt, dass es auch dort zu Problemen kommen kann. Großveranstaltungen wie die Loveparade in Duisburg haben gezeigt, wie schnell sich "unkritische Bereiche" in Gefahrenzonen verwandeln können. Zudem sorgt einige Polizisten, die bereits häufig im Rheinland eingesetzt waren, dass junge Unterstützung aus anderen Regionen des Landes mit den an Karneval oft gezeigten Gepflogenheiten nicht vertraut ist. "Die Leute sind extrem locker drauf an Karneval und gehen oftmals ganz anders auf die Beamten zu. Für Kolleginnen und Kollegen, die Erfahrung haben mit dem Brauchtum im Rheinland, ist das Routine. Für andere ist das eine neue Situation."

Besonders für die jungen Schützlinge kann das unangenehme Folgen haben und es können Dinge passieren, die gar nicht so gewollt waren. "Vor Einsätzen besprechen wir uns immer. Doch solche Großeinsätze wie jetzt an Karneval sind für die Polizeianwärter ungeübte Situationen. Es können immer Sachverhalte auftreten, die man noch nicht besprochen hat", fürchtet der ausgebildete Kommissar. "Vor allem im zweiten Ausbildungsjahr weiß man noch gar nicht, welche Dynamik Großgruppen entwickeln können und wie man darauf reagieren muss", sagt er weiter. Wenn schnelles Handeln gefragt ist, sei keine Zeit für Rücksprachen mit den Tutoren, um sich zu vergewissern und rechtliche Sicherheit zu haben.

"In der Öffentlichkeit wird der Erlass des Innenministeriums verkauft als tolle Möglichkeit für die Polizeianwärter, Praxiserfahrung zu sammeln - und die sei ja schließlich sehr wichtig", stört sich Markus Klügel, Geschäftsstellenleiter der dbb jugend nrw, an einem aus Sicht des Verbandes lediglich vorgeschobenen Argument. "Auch für angehende Ärzte ist es sicherlich wichtig, Praxiserfahrung zu sammeln. Aber niemand würde auf die Idee kommen, sie deswegen im 6. Semester ihres Medizinstudiums zu einer Herz-OP zu verpflichten."

Auch aus anderer Perspektive betrachtet sorgen die Pläne des Innenministers für Unbehagen: "Der Öffentlichkeit wird eine Polizeistärke suggeriert, die in dieser Form gar nicht vorhanden ist. An den Karnevalstagen werden alle Reserven gezogen. Darüber hinaus gibt es nichts mehr. Alle Polizeibeamten aus NRW werden auf der Straße sein", sagt der Polizist im Gespräch mit der dbb jugend nrw. Und das macht deutlich, was das eigentliche Problem ist: Bei der Polizei gibt es schlichtweg zu wenig Personal. Und deswegen werden die Azubis verheizt.