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Wie mit Auszubildenden Personallöcher gestopft werden
17.03.2016  
Auszubildende sind Schutzbefohlene, die beim Einstieg in den Beruf Anleitung benötigen. Doch in vielen Bereichen des Öffentlichen Dienstes nimmt man das nicht so genau. Besonders unrühmliche Beispiele haben wir im Schuldienst, in der Krankenpflege, bei der Polizei, der Justiz und in Kindertageseinrichtungen gefunden.

Als an Karneval bei der Polizei der Personalschuh drückte, hatte der Innenminister eine schlaue Idee: Er holte die Polizeianwärter aus dem zweiten und dritten Lehrjahr mit auf die Straße und sorgte so für mehr Uniformen im Straßen­bild. Doch junge Menschen, die sich noch in Studium oder Ausbildung befinden, sind Schutzbefohlene mit einem besonderen Status. Sie lernen noch und müssen Anleitung bekommen. Diese gibt in klassischen Ausbildungsberufen eine Person, die die Ausbildereignungsprüfung abgelegt hat. Bei den Polizeianwärtern sind Tutoren dafür zuständig und im Lehrerberuf der Fachlehrer. Soweit aber nur die Theorie. Die Praxis sieht oft anders aus.

An Karneval erprobte die Polizei ein Novum

Um in Notzeiten Personallücken zu schließen, die durch den massiven Stellenabbau der letzten Jahre besonders spürbar geworden sind, wird einiges an Kreativität an den Tag gelegt. Plötzlich ist es möglich, nicht nur Polizeianwärter des letzten Ausbildungsjahres bei Groß­veranstaltungen wie Karneval mit heranzuziehen, sondern auch Auszubildende des zweiten Lehrjahres. Das war in diesem Jahr ein Novum, erzählt uns ein Polizeikommissar. Um offen sprechen zu können, will er lieber unerkannt bleiben. "Beide Ausbildungsjahrgänge dürfen zum Beispiel keinen Schlagstock mit sich führen", sagt er. Auch weiß er aus seiner eigenen Routine als Polizist, wie wichtig es zum Beispiel ist, auf verschiedene Einsätze vorbereitet zu werden und zu lernen, welche Handlungsoptionen man im Bedarfsfall hat sowie welche Bandbreite an Einsatzmitteln zur Verfügung steht. Das umfasst auch, die rechtlichen Folgen des eigenen Handelns zu kennen. Doch kann das ein Anwärter, der zudem erst in einem Praktikum Praxiserfahrung gesammelt hat?

Studenten und Quereinsteiger mimen vollwertige Lehrer
(c) by ohneski / photocase.com
Noch nicht mal mit der Ausbildung fertig und trotzdem schon im Einsatz mit fast voller Stundenzahl:
An Grundschulen heutzutage traurige Realität
Foto: (c) by ohneski / photocase.com
Mit dem Einsatz der Anwärter an Karneval ist die Polizei nur ein Beispiel von vielen im Öffentlichen Dienst, wo Auszubildende oder Anwärter vollwertig eingesetzt werden, um Personallöcher zu stopfen. "Im Lehrerberuf ist die Situation dramatisch", erzählt Matthias Kürten, Landessprecher der Arbeitsgemeinschaft der Jung­lehrer im Verband Bildung und Erziehung NRW. "Dass junge Leute, die gerade mal das erste Staatsexamen haben, mit fast voller Stundenzahl an einer Grundschule unterrichten, ist heutzutage leider Normalität", sagt er. Ebenso die Situation, dass noch nicht voll ausgebildete Lehrkräfte Klassenleitungen übernehmen. "Bei dem, was wir an den Schulen erleben, ist ein engagierter Student als Klassenlehrer schlichtweg die beste Lösung. Denn sonst bliebe die Stelle unbesetzt. Seit rund zwei Jahren wird die Personaldecke bedrohlich dünn." Seitdem gehört es ebenfalls zur Wirklichkeit, dass Fachfremde wie ein Goldschmied oder ein Fotograf plötzlich als Lehrer vor einer Klasse stehen und unterrichten. "Die Politik weiß nicht, wo sie die Leute herholen soll, die sie eigentlich braucht“, kritisiert Kürten. Stattdessen hätte man mehr Studienplätze schaffen müssen und den Numerus clausus nicht so hoch setzen sollen", sagt er. Dann gäbe es jetzt mehr fertig ausgebildete Lehrer, die man einstellen könnte.
Doch aus dem Einsatz von Studenten und Quereinsteigern gleichwertig neben Lehrern mit zwei Staatsexamen ergeben sich auch andere Probleme: "Vor allem bei den Quereinsteigern fehlt die pädagogische Grundausbildung. Insgesamt leidet die Qualität des Unterrichts, wenn es zur Regel wird, dass nicht voll ausgebildete Lehrkräfte unterrichten."

Verkehrte Welt - erst Angestellter, dann Anwärter

Unvorstellbar ist auch die Situation in der Justiz. Bereits vor Beginn ihrer Anwärterschaft als Justizvollzugsbeamter sind sie in vielen Gefängnissen bereits über Jahre hinweg als Angestellter tätig. "Und das genau in den Bereichen und mit den Befugnissen wie ein fertig ausgebildeter Justizvollzugsbeamter", erzählt uns jemand, der selbst im Strafvollzug arbeitet und auch bereits seine Ausbildung durchlaufen hat. Um in ein solches Angestelltenverhältnis zu kommen, werden die meist jungen Menschen zunächst für einige Monate geschult und eingearbeitet. "Ausbildung im Kurz­durchlauf", um Personallücken zu schließen, denn auch in der Justiz ist der Personalabbau in den letzten Jahren immens hoch gewesen, weiß der Betroffene zu berichten. Nach dieser Zeit als Angestellter bekommen viele dann erst einen Ausbildungsvertrag als Anwärter und lernen über zwei Jahre das, was sie längst in der Praxis gemacht haben.
Auch in Kindertageseinrichtungen ist die Anleitung von Auszubildenden nicht jederzeit gewährleitet. In Aus­nahmesituationen sind in manchen Einrichtungen Azubis alleine in einer Gruppe. Denn Personalengpässe gibt es auch dort immer mal durch Urlaub, Krankheit oder schulungsbedingt. "Es gibt Berufspraktikantinnen, die viel alleine sind", sagt uns eine junge Erzieherin. In solchen Situationen ist die Verantwortung hoch, die die jungen Menschen tragen.

Krankenpflege - für Ausbildung ist keine Zeit

Verkehrte Welt auch im Pflegebereich der Kliniken: Wie überall brauchen auch hier die Auszubildenden Praxis­anleitung. Zudem dürfen ihnen nur Aufgaben übertragen werden, die dem Ausbildungszweck dienen und ihren körperlichen Kräften angemessen sind, so steht es in Paragraph 14 des Berufsbildungsgesetzes (BBiG).
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Auch in Kindertageseinrichtungen tragen Berufs- praktikantinnen häufig mehr Verantwortung als vorgesehen: oft sind sie ganz allein in einer Gruppe
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Doch auch hier sieht die Wirklichkeit seit langer Zeit anders aus: "In 90 Prozent der Fälle werden die Auszubildenden ohne Praxisanleitung und wie ganz normale Pflegekräfte eingesetzt", erzählt uns ein Pfleger. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat selbst zu diesem Thema eine interessante Broschüre heraus­gegeben, die über die Pflichten, aber auch Rechte von Auszubildenden aufklärt. Die Praxis aber läuft indes anders: Im Uniklinikum Aachen werden wie in zahlreichen anderen Kliniken "Krankenpflegeschüler wie Hilfskräfte eingesetzt und gnadenlos herumgeschickt", sagt der Pfleger im Gespräch. Weil die Pflegeschichten notorisch dünn besetzt sind, bleibt meist gar keine Zeit, die Anleitung zu geben, die nötig wäre. "Darum werden sie von Anfang an in einfachen Bereichen ohne Praxisanleiter eingesetzt und geben Essen aus, waschen Patienten oder räumen Zimmer auf."

Eines der Hauptprobleme, das sich daraus ergibt: "Treten ernste Situationen auf - bekommt zum Beispiel ein Patient bei der Körperpflege Schwindelanfälle - fehlt den Krankenpflege­schülern die nötige Erfahrung und Ausbildung, in solchen Situationen adäquat zu handeln", sagt der Pfleger weiter. "Ein examinierter Krankenpfleger kann bei der Körperpflege außerdem besser die Defizite und Probleme des Patienten einschätzen und führt daraufhin die nötigen Prophylaxen durch. Ein Pflegeschüler kann dies ohne adäquate Anleitung in der praktischen Ausbildung noch nicht leisten." Auch seien unangeleiteten Jungkräften Notfallketten unbekannt. Die richtige Reaktion in kritischen Situationen wird damit zur Glückssache.

Wer die Strategie, Personallöcher im Öffentlichen Dienst mit Azubis und Anwärtern zu stopfen, bis zum Ende durch­denkt, der erkennt: Am Ende gibt es auf allen Seiten nur Verlierer.