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Konferenz für mehr Sicherheit im Öffentlichen Dienst
04.04.2016  
Wer den Begriff "Arbeitssicherheit" hört, der denkt vermutlich zunächst an ergonomische Bürostühle oder das Gefährdungspotential von Hubwagen. An Morddrohungen, Nötigungen wie "Ich weiß, wo dein Kind ist" oder gewalttätige Übergriffe an einem ganz normalen Büroarbeitsplatz im Öffentlichen Dienst denkt jedoch kaum jemand. Bei der 2. Sicherheitskonferenz der dbb jugend nrw berichteten zahlreiche junge Beschäftigte über belastende und folgenschwere Angriffe, die sie als Zugbegleiter, in Jobcentern, Ausländerbehörden oder Ordnungsämtern erleben müssen.
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Fotos der Sicherheitskonferenz
Häufig sind es Beschimpfungen, die die Mitarbeiter in publikumsintensiven Bereichen erdulden müssen. Immer wieder erleben Beschäftigte öffentlicher Behörden in größeren Städten allerdings auch Übergriffe, die Experten wie der Aachener Kriminalhauptkommissar und Mitautor des "Aachener Modells", Ulrich Trommler, sowie die leitende Fachkraft für Arbeitssicherheit der Stadt Aachen, Katrin Päßler, zu den äußersten Gefährdungsstufen zählen. "Dazu gehören in der dritten Stufe körperliche Gewalt, Handgreiflichkeiten oder auch Sachbeschädigung - und im schlimmsten Fall der Einsatz von Waffen, Geiselnahme oder Amok", erklärt Trommler.
Dass beinahe jeder der rund 30 Teilnehmer/innen der 2. Sicherheitskonferenz der dbb jugend nrw aus eigener Erfahrung von Übergriffen dieser Gefährdungsstufen berichten konnte, erstaunte selbst die Experten. So wissen die Konferenzteilnehmer davon zu berichten, dass es immer noch vielerorts Büroräume gibt, die zur Falle werden, weil es nur eine Tür und keinen weiteren Fluchtweg für den Ernstfall gibt. Rastet ihr Gesprächs­partner aus und greift sie an, haben sie keine Möglichkeit zu entkommen. Eine Betroffene berichtet: "Bei uns könnte man einfach Fluchtwege für Mitarbeiter realisieren, aber dafür müsste Geld in die Hand genommen werden. Darum passiert nichts. So bleibt uns in Ernstfällen nichts anderes übrig, als den Sicher­heitsdienst anzurufen. Das aber in Panik noch zu schaffen, ist so eine Sache."

Rund 30 junge Beschäftigte beteiligten sich an
der 2. Sicherheitskonferenz der dbb jugend nrw
Noch ein weiteres Problem macht den Mitarbeitern in den öffentlichen Behörden zu schaffen: Selbst dort, wo Notfallpläne existieren, funktionieren die aufgrund eines mangelhaften Informationsmanagements oft nicht richtig. Ein Pfleger aus einem Klinikum in NRW berichtet: "Einmal gab es eine Bombendrohung in unserem Haus. Von der erfuhren wir aber nur, weil uns Patienten darauf ansprachen, die im Fernsehen eine Live-Bericht­erstattung darüber gesehen hatten. Erst kurz danach gingen auf den Stationen offizielle Anrufe der Klinik­leitung ein. In denen wurden dann die Mitarbeiter gebeten, auf den Fluren und Gängen nach Koffern und auffälligen Tüten Ausschau zu halten. Verkehrte Welt!"

Neben der Sicherheitskonferenz führt die dbbj nrw auch viele politische Gespräche zum Thema Gewalt gegen Beschäftigten im Öffentlichen Dienst
Eine Mitarbeiterin eines Finanzamts sagt: "Wenn ich den Notfallbutton drücke, wird die Geschäftsstelle informiert. Von dort aus wird man dann zurückgerufen. Nur wenn ich dann nicht ans Telefon gehe, wird Hilfe auf den Weg geschickt. Die käme dann erst viele Minuten später bei mir an - im Zweifel zu spät für mich." Das zeigt nach Auffassung vom Experten Trommler den dringenden Bedarf eines funktionierenden Informations- und Kommunikations­managements bei den Einrichtungen.

Noch immer gibt es zudem nicht in allen gefährdeten Bereichen Notrufsysteme. Die Mitarbeiterin eines Ausländeramtes berichtet auf der Sicherheitskonferenz davon, dass erst jüngst das drei Jahre lang ausge­fallene Alarmsystem erneuert wurde. Ein anderer erklärt, dass es nach der Einführung eines Notrufsystems keinerlei Einführung in die Bedienung gab. Experten wie Ulrich Trommler empfehlen Systeme, die mit einem Schlag auf die Tastatur oder über einen Notbutton unter dem Tisch bedienbar sind. Doch auch nach einer tödlichen Messerattacke auf eine Mitarbeiterin im Jobcenter Neuss 2012 gibt es diese nur in den seltensten Fällen.

Seit längerer Zeit fordert die dbb jugend nrw daher Alarmsysteme, die einheitlich und übergreifend in allen sensiblen Kommunal-, Landes und Bundesbehörden installiert werden. "Doch niemand fühlt sich dafür zuständig, das übergreifend in die Hand zu nehmen", kritisiert der Vorsitzende der dbb jugend nrw, Jano Hillnhütter. "Die einzelnen politisch Verantwortlichen haben die Sorge, im Falle einer Initiative auch die Kosten tragen zu müssen. Darum herrscht trotz wachsender Gefahrenlage Stillstand in den öffentlichen Behörden und Betrieben."
"Ähnlich verhält sich das mit Deeskalationstrainings. Sie werden mit dem Gießkannenprinzip ausgeschüttet", so Hillnhütter weiter. Manchmal spielen die Fähigkeiten der Deeskalation in der Ausbildung eine Rolle, mal werden Trainings im Abstand von drei Jahren angeboten, in manchen Bereichen gar nicht. Nur eine Teilnehmerin berichtet davon, dass nach Einführung einer neuen Gefährdungsbeurteilung alle Mitarbeiter halbjährlich Deeskalationstrainings durch die Polizei bekommen.

"Jeder, der einen Sport ausübt, weiß, dass man mehr­mals in der Woche trainieren muss, um gut im Training zu bleiben. Das ist bei Kommunikations- und Deeskala­tionstrainings nicht anders. Doch oft finden sie nur alle drei Jahre einmal statt", moniert Kriminalhaupt­kommissar Ulrich Trommler.

Der Stellv. Landesjugendleiter Frank Meyers (re.) mit den Referenten Katrin Päßler und Ulrich Trommer

11 verschiedene Fachgewerkschaften aus dem Öffentlichen Dienst waren in Düsseldorf vertreten
Was die dbb jugend nrw zudem kritisiert: "Nicht in allen kritischen Behörden gibt es Sicherheitsdienste. Einige haben nach Auskunft unserer Mitglieder aus Kosten­gründen den Pförtner kurzerhand zum Security­mitarbeiter erklärt", sagt Hillnhütter. Ein Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit berichtet von fehlenden Sicherheitsstandards, andere Behördenmitarbeiter von Securitymitarbeitern, die das Klischee eines Türstehers erfüllen. Auch seien in einigen Ämtern Menschen verantwortlich für den Sicherheitsbereich, die selbst körperlich eingeschränkt seien. "Manchmal scheint es besser, sich minutenlang beleidigen zu lassen, als auf solche Sicherheitsangestellte zurückzugreifen", sagt eine Konferenzteilnehmerin. "Eine stadteigene Tochter­gesellschaft beschäftigt Leute, die ausgewiesen wurden, um nun das Flüchtlingsheim zu bewachen", erklärt eine Mitarbeiterin eines Ausländeramtes.
Ein Klinikmitarbeiter schildert: "Mich hat ein verwirrter Mann auf der Station mit seinem Buttermesser bedroht. Ich hatte ausreichenden Sicherheitsabstand. Dennoch rief ein Kollege den Sicherheitsdienst. Was mich an der Situation noch mehr erschrocken hat als der Messervorfall: Es hat über zehn Minuten gedauert, bis sie da waren. Die Begründung: Einer seiner Kollegen wäre gerade weg, darum könne er nicht sofort seinen Platz verlassen und kommen."
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Berichtsreihe: Im Öffentlichen Dienst zu arbeiten ist gefährlich
Viele Beschäftigte fühlen sich allein gelassen von Vorgesetzten und Arbeit­gebern. "Unfallanzeigen nach Beleidigungen werden nicht ernst genommen. Man solle einfach darüber stehen", so schildert ein Jobcentermitarbeiter die Reaktion seines Vorgesetzten nach einem Übergriff. Aus Sicht der jungen Gewerkschafter mangelt es an Vorsorge und gefahrenbewussten Absprachen. In den meisten Behörden gibt es nicht einmal eine realistische Gefahren­beurteilung, so wie sie für alle Arbeitsbereiche im Sinne des Arbeitsschutzes auch bezüglich psychischer Belastungen und möglicher Gefahrenpotenziale durch Übergriffe existieren müsste. Das nun umzusetzen und in den einzelnen Behörden anzusprechen, will die dbb jugend nrw durch die Schulung ihrer Mitglieder in Düsseldorf forcieren.
PRESSESPIEGEL:

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  (mit freundlicher Genehmigung der Westdeutschen Zeitung)
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