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Zu Besuch in NRW: Vier Chinesen, kein Kontrabass
03.06.2016  
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Drei Chinesen aus der Provinz Yunnan im Südwesten der Volksrepublik China besuchten die dbb jugend nrw vom 20. bis 29. Mai. Mit dabei: kein Kontrabass, sondern eine vierte Chinesin vom langjährigen Partnerverband der dbb jugend nrw aus Peking. Gemeinsam erfuhr die Gruppe in einem sorgsam zusammengestellten Programm bei Terminen in ganz NRW jede Menge über Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund.
Ein aktuelleres und heißer diskutiertes Thema hätten sich die beiden Verbände "Chinese People’s Association for Friendship with Foreign Countries" und dbb jugend nrw, die schon seit 14 Jahren jährlich Begegnungsmaßnahmen zu jugendpolitischen Themen durchführen, kaum aussuchen können: "Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund" stand im Vordergrund des diesjährigen 10-tägigen Besuchs. Auf der Suche nach Antworten auf die vielen Fragen folgte die Gruppe einem von der dbb jugend nrw zusammengestellten Fachprogramm, das sie durch verschiedene Städte in NRW führte.

Besuch aus China: Für die dbbj nrw Grund zur Freude

Bei ihrem 10-tägigen Fachprogramm besucht die Gruppe aus China auch das Projekt "MiKibU"
Wie vielfältig das große Engagement in Deutschland im Rahmen der Integrationsarbeit ist, erfuhren die Gäste aus Fernost unter anderem bei einem Besuch der Gemeinschaftsgrundschule Moitzfeld in Bergisch Glad­bach. Dort wurde ihnen das Projekt MiKibU (Migranten­kinder bekommen Unterstützung) vorgestellt. Im Jahr 2010 wurde die Initiative von freiwilligen Pensionären gegründet, die Kindern mit Migrations­hintergrund sowie Flüchtlingskindern Unterstützung bei der sprachlichen und sozialen Integration bieten wollten. In Kooperation mit den ansässigen Grundschulen hat man hier Förder­stunden für Migranten- und Flüchtlingskinder eingeführt und konnte sich seither von zwei auf mittlerweile neun Kooperationsschulen erweitern. Damit die freiwilligen Mentorinnen und Mentoren professionelle Sozial- und Bildungsarbeit leisten können, nehmen sie auch regel­mäßig an von MiKibU organisierten Fortbildungs­seminaren teil. Die vier Vertreter des chinesischen Verbandes hatten Gelegenheit, eine der MiKibU-Mentorinnen live in Aktion zu erleben und wurden persönlich von zwei Schülerinnen aus dem Projekt begrüßt.
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Pressebericht zum Besuch bei MiKibU
Dass die Grundschulen im Raum Bergisch Gladbach sehr aktiv in der Flüchtlingshilfe sind, erfuhr die Gruppe auch an der Katholischen Grundschule Bechen (KGS Bechen). Schulleiterin Miriam Kaufmann empfing die Delegation herzlich in der kleinen Grund­schule, die momentan versucht, eine Vorbereitungsklasse für Flüchtlingskinder von der Bezirks­regierung genehmigt zu bekommen. Derzeit bekommen Flüchtlings­kinder mit einer minimalen Anzahl an Wochen­stunden zusätzlichen Deutschunterricht, werden aber sonst normal in den Regelschulklassen untergebracht. Die dadurch auftretenden sprachlichen Barrieren versucht die KGS Bechen mit dem Antrag auf eine sogenannte "Deutsch-Fördergruppe" zu überwinden. Die Delegation zeigte sich sehr interessiert an dem Konzept und ließ sich bei einer kleinen Führung durch die Klassenräume einen Überblick über die Arbeit an der Schule geben.

Auch in zwei weiteren Schulen informierten sich die Gäste aus China umfassend über viele Fragestellungen rund um Migration und Integration: Im Gymnasium Alsdorf lernten sie mehr über das dort praktizierte besondere Unterrichts­konzept nach dem sog. Daltonplan, das deutschlandweit schon seit einigen Jahren für Furore sorgt, und konnten eine chinesischstämmige Mitschülerin in der gemeinsamen Muttersprache über deren ganz persönliche Migrations- und Integrationsgeschichte befragen. In den direkten Austausch mit Flüchtlingen kamen die chinesischen Fachkräfte bei ihrem Besuch im Franz-Jürgens-Berufskolleg in Düsseldorf. Hier begann man schon 2010, Deutschförderunterricht für geflüchtete Jugendliche und Seiteneinsteiger/innen ab 16 Jahren anzubieten. Mit einer ersten internationalen Förderklasse bestehend aus 12 Schülerinnen und Schülern nahm man schon damals eine Vorreiterrolle ein. Heute umfasst der Bereich sechs Klassen mit rund 120 Schülerinnen und Schülern. Mit einer dieser Klassen samt Lehrerin kamen die Vertreter aus China in einen anregenden Dialog.

Zu den Programm-Highlights gehörte ein Treffen
mit Ataman Yildirim von der AWO Düsseldorf
Um der Gruppe einen möglichst umfassenden Eindruck in die Thematik zu geben, hatte die dbb jugend nrw bei der Programmplanung dafür gesorgt, dass viele verschiedene Akteure der Arbeit mit Kindern und Jugend­lichen mit Migrationshintergrund zu Wort kamen. Einen ganz besonders nachhaltigen Eindruck hinterließ bei der Gruppe das Gespräch mit Ataman Yildirim, der sich in der Integrationsagentur der AWO Düsseldorf unter anderem um die Bereiche Migration, Integration und Extremismusprävention kümmert. Wie wichtig es ist, minderjährigen Flüchtlingen einen guten Start in ihrem neuen Heimatland Deutschland zu geben, machte er durch einen mitreißenden Bericht aus seiner täglichen Arbeit deutlich. Nach seiner Philosophie können Menschen aus anderen Kulturräumen nur dann Teil dieser Gesellschaft werden, wenn man ihnen vorur­teils­frei und mit ehrlicher Empathie begegnet und sie über Hilfsangebote, Assistenz und Information - auch über die hier vorherrschenden Regeln - in die Gesellschaft hinein­führt und sie zur Teilhabe und Integration ermutigt. Speziell seine Erfahrungen und Erläuterungen aus dem Bereich der Extremismusprävention stießen bei den Fachkräften aus China auf sehr großes Interesse.
Bei einem Gespräch im Migrationsdienst der Caritas erfuhr die Gruppe mehr über den komplizierten und oft lang­wierigen Prozess, den ein Flüchtling zu durchlaufen hat von der Ankunft an der deutschen Landesgrenze bis - im besten Fall - zur gewünschten Aufenthaltsgenehmigung. Sebastian Vogt und Sonja Stecher berichteten detailliert über ihre Arbeit in Flüchtlingsunterkünften, die von der Hilfe bei alltäglichen Dingen wie dem Einkauf bis hin zu der Unterstützung beim Schreiben von Lebensläufen und der Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche reicht.

Abgerundet wurde die Fachkräftemaßnahme mit Besuchen und Gesprächen im Kommunalen Integrationszentrum in Aachen, dem Landschaftsverband Rheinland sowie der Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung V24 in Düsseldorf und dem Jugend- und Gemeinschaftszentrum Glashütte in Köln-Porz. Bei allen Terminen zeigten sich die Gäste aus China erstaunt und bisweilen sogar erschrocken, welchen Herausforderungen Deutschland insbesondere in Hinblick auf die derzeitige Flüchtlingssituation gegenübersteht. Gleichzeitig äußerten sie immer wieder ihre Anerkennung und ihre Bewunderung, mit wie viel Engagement, Tatkraft und Einsatz sich die vielen ehrenamtlichen und festangestellten Helfer darum bemühen, Menschen aus anderen Kulturkreisen Integration und Teilhabe an dieser Gesellschaft möglich zu machen.

Als die Gäste zehn Tage später wieder abreisen mussten, hatten auch sie selber das Gefühl, ein kleines Stück Integration und Teilhabe am eigenen Leib erlebt zu haben. Und so wurde am Abschiedstag am Flughafen auch die ein oder andere Träne verdrückt. Denn sie kamen als Fremde und gingen als Freunde. Auch ohne Kontrabass.