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Jobcenter - das sind die Gründe dafür, dass es knallt
18.05.2017  
Verbale Entgleisung und körperliche Ausraster - in deutschen Jobcentern kommt das häufig vor. Über die möglichen Hintergründe wollten wir mehr wissen und haben mit einem Insider gesprochen. Hier lest ihr mehr über den Zündstoff, der die Situation dort immer wieder eskalieren lässt.

Arbeitslosigkeit geht quer durch die sozialen Schichten. Und viele Arbeitslose sind schon lange ohne Beschäftigung. Aus den unterschiedlichsten Gründen: schwierige soziale Herkunft, bei der das Elternhaus schon prägt, Sprach­probleme, schlechte Qualifizierung und darum schwer vermittelbar, oder auch das Gegenteil - Uniabschluss in der Tasche und keine Idee wie es nun weitergehen soll. Darin steckt Zündstoff - und zwar jede Menge.

"Viele sind perspektivlos und frustriert"

"Viele Menschen sind seit fünf Jahren dabei", erzählt uns ein Insider. Mehrere 100.000 Menschen sind seit Bestehen der Jobcenter ohne Arbeit. Was besonders belastend ist: Sie haben keine Aussicht darauf, wieder eine Stelle zu finden. Von einem Projekt werden sie ins nächste verwaltet. "Viele sind perspektivlos und frustriert", weiß unser Gesprächs­partner. Manche von ihnen sind sogar Akademiker. Sie haben viel Geld in ihre Ausbildung investiert und Unmengen an Zeit. Am Ende sind sie jedoch trotzdem ohne Perspektive.

Arbeit bis an die persönliche Grenze

So sitzen sie neben den vielen anderen im Jobcenter. Nach einiger Zeit gibt sich für manche der arbeitslosen Akademiker die Chance, die Schreibtischseite zu wechseln und selbst im Jobcenter zu arbeiten. Einige holt das von der Straße. Sie werden dann - meist befristet für zwei Jahre - von der Bundesagentur für Arbeit eingestellt. Doch viele bleiben nur ein Jahr dabei, so erfahren wir. Denn die Arbeit im Jobcenter lässt viele an ihre persönlichen Grenzen kommen. Auf Dauer können oder wollen sie diesen Job nicht machen und nehmen eher die Arbeitslosigkeit in Kauf als dort zu bleiben.

Die Gründe dafür sind vielfältig: "Wir haben viele Gesetzesänderungen und neue Verordnungen", so erfahren wir aus der Innenperspektive. In 11,5 Jahren waren es fast 70. Das heißt: Beinahe jeden zweiten Monat ändert sich etwas. Wer hier arbeitet, muss sich immer auf dem aktuellen Stand halten. Leistungsbezüge können davon abhängig sein oder andere Dinge, die das Leben der Betroffenen nachhaltig beeinflussen. Für Quereinsteiger ist es kaum zu schaffen. Selbst ausgebildeten Verwaltungskräften fordert das einiges ab.
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In Jobcentern sind verbale Entgleisungen und Attacken auf Beschäftigte an der Tagesordnung
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Kompliziertes Gefüge und hoher Arbeitsdruck

"Es ist auch nicht immer ganz so einfach", weiß unser Gesprächspartner. Beispiel: Kindergeld oder Wohngeld. Sie gehören zu den sogenannten "vorrangigen Leis­tun­gen". Diese müssen von den Hilfebedürftigen eigentlich zuerst beantragt werden und werden dann auf die Leistungen des Jobcenters angerechnet. Ände­rungen bei diesen Leistungen müssen die Mitarbeiter im Jobcenter daher auch immer im Blick behalten.

Doch Menschen, die gerade ihren Job verloren haben und deren persönliche Situation gewaltig ins Wanken geraten ist, haben oft unmittelbarere Nöte und Pro­ble­me. Die zu klären steht für sie zunächst im Vordergrund. Woher kommt die Miete für morgen? Kann ich hier wohnen bleiben? Wovon bezahle ich den Einkauf? Sie wissen nicht, was sie beantragen können, in welcher Form und in welcher Reihenfolge.
Aber auch für die Beschäftigten ist es nicht immer leicht, herauszufinden, auf welche Ansprüche aus den Sozial­gesetz­büchern ein Kunde Anspruch haben könnte. Die Folge: Das Gesetz ist nicht mehr vernünftig ausführbar. Dennoch müssen Beschäftigte damit zurechtkommen, die weder eine Ausbildung bei einer Kommune oder der Bundesagentur für Arbeit gemacht haben, noch jemals mit Verwaltungsrecht in Berührung gekommen sind. Das macht psychischen Stress. Bei Kunden und Beschäftigten. Da steckt jede Menge Zündstoff drin.

Nicht jeder steckt die Unabwägbarkeiten gleich gut weg

Das tägliche Geschäft läuft indessen weiter: Fallbearbeitungen, Kollegen einarbeiten, Vertretungen im Krankheitsfall und andere Unabwägbarkeiten. Nicht jeder steckt das gleich gut weg. Erst recht nicht, wenn es schon im Flur poltert: Beschwerden darüber, dass schon wieder der Ansprechpartner gewechselt hat. Die Arbeitssuchenden interessiert nicht, warum das so ist. Sie wissen nicht, dass mancher, der sie hier berät, die Arbeitslosigkeit nur allzu gut selber kennt. Sie ahnen nicht, dass es Beschäftigte gibt, die selber in der Ungewissheit leben, jemals einen unbefristeten Vertrag zu bekommen. Wenn nach der Befristung der Vertrag ausläuft, suchen manche nach einem anderen Job. Und ihre Fallkunden bekommen schon wieder einen neuen Berater.

Das heizt die Situation für alle Beteiligten an. Aber nicht nur das. Ein weiteres Problem: Nicht jeder Beschäftigte hat jederzeit das nötige Einfühlungsvermögen für "Kunden" und Problemlagen. "Es gibt Mitarbeiter, die sicherlich empa­thischer sind und solche, die es weniger sind", so gibt man uns im Gespräch zu verstehen.

Empathie ist nicht jedem gegeben
Empathie ist keine der Einstellungsvoraussetzungen. Aber sie hilft. Sie hilft in Augenblicken, in denen sich Ge­spräche hochschaukeln, in Situationen, in denen bei­spiels­weise Menschen sich nicht anders zu helfen wissen, als loszupoltern und ihrem Ärger Luft zu machen.

Hilfreich ist sie auch in den Momenten, in denen Mit­ar­beiter selber unter Druck stehen, weil sie die Flut der Anträge kaum bearbeiten können. Und auch dann, wenn sie als Quereinsteiger noch vollkommen unsicher und überfordert sind. Erst recht in Situationen, in denen sie sich selbst in die komplizierte und umfangreiche Materie einarbeiten müssen. Das ist so zwar nicht ge­dacht, kommt aber vor.

Wenn Einarbeitung zum Kraftakt wird
(c) by Sammy Zimmermanns / flickr.de
Empathie und Geschick in Gesprächsführung kann helfen, knifflige Situationen zu entschärfen
"Laut Qualifikationskatalog wird ein neuer Leistungsbearbeiter von einem Kollegen ein halbes Jahr lang eingearbeitet. Mit der Zeit soll er mehr und mehr sein eigenes Sachgebiet übernehmen", sagt unser Insider. In der Realität bedeutet das meist einen Kraftakt. Durch die befristete Beschäftigung vieler Mitarbeiter müssen am laufenden Band immer wieder neue Kollegen eingearbeitet werden. Das ist eine Zusatzbelastung für alle diejenigen, die dort dauerhaft be­schäftigt sind.

Bei allem guten Willen ist auf dem Papier bei jeder Neueinstellung eine zusätzliche Arbeitskraft dazu gekommen. In Wirklichkeit dauert es aber mindestens ein halbes Jahr, bis Neue in die komplexe Materie eingearbeitet sind. Das heißt konkret: „Es kommt auf den einarbeitenden Kollegen eine Zeit besonderer Belastung zu, in der er sein Aufgabengebiet nur eingeschränkt bearbeiten kann. Und auch das Sachgebiet des neuen Kollegen läuft noch nicht so richtig.“ Eine Lösung für dieses Problem gibt es kaum, denn unser Insider weiß: "Wir bekommen auf dem Arbeitsmarkt für unsere spezifischen Anforderungen kaum Arbeitskräfte. Darum müssen wir sie selber anlernen."

Mancher gerät so sehr unter Druck, dass es ihn krank macht
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Arbeitslose, die ins Jobcenter kommen, plagen
meist große
existentielle Sorgen
Was hinzukommt: Durch die Arbeitsverdichtung und den psychischen Druck, der auf den Mitarbeitern liegt, gibt es hohe Krankenstände.

Diese Mischung ist hochexplosiv. Fragt man die Men­schen, die in Jobcentern arbeiten, dann fordern sie mehr Rückhalt von den Arbeitgebern und funktio­nierende Alarmsysteme, mit denen sie Hilfe rufen können, wenn vor ihnen wieder jemand ausrastet. Aber sie fordern auch politische Lösungen: „Arbeit ist unglaublich wichtig für die Integration in unserer Gesellschaft“, heißt es da. Über den Job findet Identifikation statt. Menschen haben eine Aufgabe. Sie bekommen ihr Selbstwertgefühl zurück.

Zudem sei es lohnenswert, darüber nachzudenken, ob die Befristungen wirklich notwendig sind. Es macht weder die Kollegen, noch die Arbeitslosen zufrieden, wenn andauernd Ansprechpartner wechseln, die wieder neu angelernt werden müssen. Vor allem muss aber die anzuwendende Rechtsmaterie wieder einfacher werden und die Zahl der Ausnahmen für alle möglichen Sonder­fälle reduziert werden.

In diesem schwierigen Umfeld zu arbeiten, ist nicht leicht. Das muss man wissen und erkennen, wenn man positive Veränderungen herbeiführen will. Positiv für die Beschäftigten und positiv für die Antragsteller auf der anderen Seite des Schreibtischs.