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Auf Abenteuerreise mit der dbb jugend nrw
29.06.2017  
Wer seine Komfortzone verlässt, lernt neue Dinge kennen. Und nicht nur das: Er lernt auch sich selber neu kennen. Für eine solche Erfahrung muss man nicht immer gleich auf große Urwald-Safari gehen, einen Siebentausender besteigen oder mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug springen. Manchmal reicht auch eine Reise mit der dbb jugend nrw.
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Wie fühlt es sich eigentlich an, in ständiger Bedrohung zu leben? Wie lebt man damit, von Staaten umgeben zu sein, die einem mehrheitlich feindlich gegenüber stehen und die aus ihrem Hass und ihrer Aggression keinen Hehl machen? Ein kleines Gefühl dafür haben sieben junge Gewerkschafter aus Nordrhein-Westfalen bekommen, die an einer 6-tätigen Auslandsmaßnahme der dbb jugend nrw nach Israel Ende Mai teil­nahmen.
Die Leitung der Delegation hatte der ehemalige Landesjugendleiter Jano Hillnhütter inne (6.v.r.)
Israel: Dieses Land wird dich in seinen Bann ziehen!

Israel, mit dem die dbb jugend nrw seit 1976 enge und vertrauensvolle Beziehungen pflegt, ist in vielerlei Hinsicht ein besonderes Land. Jeder Quadratmeter des jüdischen Staates am östlichen Rand des Mittelmeeres ist durchdrungen von Geschichte, religiösen Über­zeugungen, Widersprüchen und Herausforderungen. Es ist ein faszinierendes Land, dessen spezieller Ausstrahlung man sich kaum entziehen kann. In ihrer Ausschreibung für die diesjährige Reise nach Israel macht die dbb jugend nrw daher ein großes Versprechen: "Mit uns wirst du Israel von einer Seite entdecken, die du als normaler Tourist nie zu Gesicht bekommst. Wir versprechen dir: Dieses Land wird dich in seinen Bann ziehen!"
Was ein wenig dick aufgetragen klingt, erweist sich als absolut zutreffend. Teilnehmerin Heidi schickt nach der Reise eine Nachricht an die dbb jugend nrw: "Ich bin immer noch beeindruckt von der letzten Woche und sehr, sehr nachdenklich. Die Reise hat mich persönlich sehr geprägt und meine Sicht der Welt doch stärker erweitert (vielleicht verändert?) als ich gedacht hätte." Als wir sie fragen, was sie besonders beeindruckt hat, muss sie nicht lange über­legen: "Die Israelis leben nicht in Sicherheit, sondern werden beständig bedroht - und dennoch sind sie so unglaublich herzlich und lebensbejahend."
Beschuss durch tausende Raketen

Erlebbar und fühlbar wird diese beständige Bedrohung für die Gruppe aus NRW gleich nach dem Anreisetag am ersten Tag der Tour als sie in Sderot im Westen Israels Station machen. Bekannt ist Sderot durch seinen immer wiederkehrenden Beschuss mit Qassam-Raketen aus dem nahe gelegenen Gazastreifen, von dem die Stadt nur wenige hundert Meter entfernt liegt. Seit Israels Rückzug aus dem Gazastreifen im Sommer 2005 haben diese Angriffe massiv zugenommen. Die Zahl der auf Israel, zumeist auf Sderot, abgefeuerten Raketen stieg im Zeitraum von 2001 bis zum Januar 2009 auf über 8.600. Seither ist es ein wenig ruhiger geworden, aber immer noch fliegen ab und zu Raketen auf die Stadt.

Gesammelte Raketen in Sderot - teilweise mit Schraubgewinde und über 3 Meter lang
Wie die Einwohner dort mit der permanenten Bedrohung fertig werden, erfahren die Mitglieder der Delegation in einem Gespräch mit dem örtlichen Sicherheitsoffizier vor der Polizeiwache der Stadt, wo fein säuberlich einige der Raketen gelagert werden, die in den letzten 16 Jahren auf Sderot niedergegangen sind. Ein beklemmendes Gefühl.

15 Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen


Der letzte Raketenalarm in Sderot war vor dreieinhalb Monaten, erfährt die Gruppe. Aufgrund der bedrohten Lage befindet sich in Sderot die einzige im Ernsteinsatz befindliche Komponente des Tactical-High-Energy-Laser-Systems, ein von einer israelischen Firma entwickeltes Frühwarnradar. Es funktioniert in etwa achtzig Prozent der Fälle. Vom Ertönen des Frühwarnsystems ("Tseva Adom", zu Deutsch "Farbe Rot") bis zum Einschlag der Rakete bleiben den Bewohnern etwa 15 Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen. 15 Sekunden.

Die Teilnehmer der Gruppe stellen sich vor, man ist mit seinen drei Kindern zu Hause. Ob man wohl Zeit hat, alle drei Kinder in 15 Sekunden zu greifen und mit ihnen in den Schutzbunker zu flüchten? Wenn nein, für welches Kind entscheidet man sich? 15 Sekunden, die über Leben und Tod entscheiden. Viele Einwohner von Sderot, insbesondere Kinder, die einmal einen Raketenbeschuss am eigenen Leib miterlebt haben, werden damit nicht fertig. Die Zahl der Traumatisierten ist hoch. "Was für ein unfassbares Glück wir haben, dass wir in Deutschland in sichere Verhältnisse hineingeboren wurden", sagt Heidi.

Besuch von Donald Trump wirft Reiseprogramm über den Haufen

In Schlomi traf sich die Delegation unter anderem
mit dem Bürgermeister der Stadt (Mitte)
Wie bestimmend das Thema Sicherheit für die israelische Bevölkerung ist, erfahren die Mitglieder der dbb jugend nrw im Laufe ihrer Reise immer wieder. Eigentlich sollte die Gruppe am ersten Tag der Reise gar nicht in Sderot, sondern in Jerusalem sein. Doch dort ist gerade der amerikanische Präsident Donald Trump auf Staatsbesuch und die Sicher­heits­vor­kehrungen sind noch intensiver als ohnehin schon. Kurzfristig wurde das Programm angepasst und umge­worfen.

Auch in Schlomi kennt man das Gefühl, mit Raketen beschossen zu werden. Hier sind es Katjuscha-Raketen, die aus dem angrenzenden Libanon auf die Stadt abgefeuert werden. Trotzdem verfolgt man hier einen ehrgeizigen Plan: Aus derzeit 7.000 Einwohnern sollen in nur 10 Jahren 25.000 werden. Wie das gelingen kann und welche Herausforderungen das mit sich bringt, ist Gegenstand von Gesprächen der Gruppe mit dem Bürgermeister, im Zentrum für junge Er­wach­sene und in einem Seniorenheim.
Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit Leitthema der Reise

Doch neben dem allzeit beherrschenden Sicherheitsthema interessiert sich die Gruppe vor allem für das Leitthema der Reise: "Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit". Hierzu gibt es viele Termine - unter anderem einen in Akko. Was anderenorts in Israel ein großes Thema und immer wieder Aufreger ist, verläuft in Akko gänzlich unaufgeregt. Die Gruppe staunt: Muslimische Mädchen mit Kopftuch auf dem Weg zur Schule, die ihre jüdische Altersgenossinnen mit High Five begrüßen. Das ist unspektakulärer Alltag in der alten israelischen Hafenstadt, in der das Zusammenleben von Juden und Arabern auf Toleranz und Respekt fußt. Am eigenen Leib erfährt das die Gruppe im Gespräch mit Mitgliedern des örtlichen Jugendparlaments.
Auch der Besuch in der Bialik-Rogozin-Schule macht der Gruppe Hoffnung, dass ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen und Nationen möglich ist. Problemkinder aus den Armen­vierteln Tel Avivs und Kinder aus traumatisierten Flüchtlingsfamilien gehen hier zur Schule. Mitten in einem Problembezirk der größten Stadt in Israel ist hier etwas gelungen, was anderswo nicht klappt: Un­ab­hängig von Herkunft, Rasse und Religion bekommt hier jedes Kind eine Chance. Insgesamt 48 verschiedene Nationen sind vertreten. Der Dokumentarfilm "Strangers No More" erzählt die Geschichte der Lehrer und Schüler dieser Schule. Die Macher des Films wurden dafür mit dem Oscar für den besten kurzen Dokumentarfilm ausgezeichnet. Auch die Arbeit, die an der Schule geleistet wird, hätte einen Oscar verdient: Machten vor wenigen Jahren gerade mal 28 Prozent der Schüler einen Abschluss, sind es heute 70 - ein Wert, der über dem landesweiten Schnitt liegt.

Gruppenbild in der Bialik-Rogozin-Schule, in der
Kinder aus 48 Nationen zur Schule gehen
Viel Stoff zum Nachdenken

Die Reise mit der dbb jugend nrw gibt den jungen Gewerkschaftern viel Stoff zum Nachdenken. Gemeinsam mit ihren Jugendgruppen-Kolleginnen Carina und Joana formuliert Heidi auf facebook ihr Resümee zur Reise: "Am Freitag endete unsere Israelreise mit der dbb jugend nrw, auf der wir nicht nur viele Eindrücke gewonnen und Erfahrungen gesammelt haben. Wir haben auch viele Menschen in unser Herz geschlossen. Menschen, für die Frieden keine Selbstverständlichkeit sondern ein Wunsch für die Zukunft ist. Umso mehr bleibt die Erkenntnis, dass auch wir hier in Europa für unseren Frieden verantwortlich sind. Das fängt bei gegenseitigem Respekt und Toleranz füreinander an. Das kann jeder und es ist der erste Schritt für ein friedliches Miteinander!"