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Wo Beschimpfungen, Anfeindungen und Morddrohungen zum Alltag gehören
12.09.2017  
Sicherheitskonferenz der dbb jugend nrw: Viele der jungen Beschäftigten sitzen nicht zum ersten Mal hier. Doch ebenso wie die vielen neuen Gesichter berichten sie alle dasselbe. Alle sind sie im Öffentlichen Dienst beschäftigt und erleben in ihren Job Unfassbares. Immer wieder.
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Warum Aggression und Gewalt zunehmen
Zum dritten Mal treffen sich am 2. September in Düsseldorf 20 junge Beschäftigte aus dem Öffentlichen Dienst. Die dbb jugend nrw hat zur Sicherheitskonferenz eingeladen und will hören, was sich getan hat in Sachen "Gewalt gegen Beschäftigte im Öffentlichen Dienst". Gekommen sind Vertreter aus dem ganzen Bundesgebiet, diesmal sogar auch aus Hessen. Sie arbeiten in den verschiedensten Berufen. Polizisten sind dabei, Lehrer, Bahnbedienstete, Kommunal­beschäftigte und Finanzbeamte. Und das, was sie zu sagen haben, schockiert.

20 junge Beschäftigte aus dem Öffentlichen Dienst waren zur 3. Sicherheitskonferenz erschienen
30 Minuten Schimpftirade gratis

30 Minuten muss sich ein Finanzbeamter im Außen­dienst beschimpfen lassen, ohne dass er etwas dagegen unternehmen könnte. "Wir sind dann nicht beleidigungsfähig", heißt es auf erstaunte Nachfrage der anderen Konferenzteilnehmer. Der Grund: Wenn Außenprüfer des Finanzamtes oder die Steuerfahndung an der Tür klingeln, dann wertet man den Eingriff in den Privatraum - auch Grundrechtseingriff genannt - als so groß, dass man den Bürgern das ungeschriebene Recht einräumt, sich erst einmal ungestraft Luft machen zu dürfen über den unangekündigten Besuch. Doch keiner fragt, wie es dem Beschäftigten damit geht, der da gerade seinen Job macht und erst einmal durchbeleidigt wird.

Was die dbb jugend nrw bisher erreicht hat
In der Runde, die hier am ersten September­wochenende tagt, herrscht betretenes Schweigen. Jeder kann nachvollziehen, wie man sich unter Dauer­beschimpfung und Bepöbelung fühlt. Jedes einzelne Mitglied der dbb jugend nrw, das heute hergekommen ist, kann aus eigener Erfahrung etwas beisteuern. Und das, obwohl sich seit dem Start der Kampagne "Gefahrenzone Öffentlicher Dienst" der dbb jugend nrw im April 2016 eine Menge getan hat. Die Medien sind aufmerksam geworden und die Öffentlichkeit wurde sensibilisiert. Erst vor wenigen Wochen machten Mit­glieder der dbb jugend nrw mit einer Mahnwache in der Bonner Fußgängerzone auf das Problem aufmerk­sam. Arbeitgeber und Personalräte arbeiten in manchen Kommunen und Behörden an Konzepten zum Schutz der Mitarbeiter und auch politisch ist ein Ruck durch die Nation gegangen: Vier Gesetzesinitiativen hat die dbb jugend nrw politisch anstoßen können, um die Situation in Ämtern und Behörden und für die Beschäftigten auf der Straße und den Schienen zu verbessern.

Marcel Huckel führte durch die Konferenz
"Aber es ist immer noch zu wenig", sagt Marcel Huckel, stellvertretender Vorsitzender der dbb jugend nrw. Er leitet an diesem Tag den Informationsaustausch unter den Mitgliedern. Für ihn fällt immer noch viel zu viel unter den Deckmantel des Schweigens. "Tagtäglich müssen Beschäftigte im Öffentlichen Dienst ihren Kopf hinhalten und Beschimpfungen, Anfeindungen und sogar Morddrohungen über sich ergehen lassen", sagt Huckel.

Die psychische Wucht ist groß

"Für Leute, die zart besaitet sind, ist dieser Job nichts", hört er aus Berufen, die gemeinhin nicht zu Gefahrenberufen gezählt werden. "Die Leute sind zum Teil sehr jung, die bei uns anfangen. Die verkraften das doch nicht". Wer zum ersten Mal die Aggressivität spürt, ist oft überrascht und schockiert. Der Öffentliche Dienst sei zum Blitzableiter geworden, an dem sich gesellschaftliche Spannungen und Konflikte entladen, sagt Huckel.

Man macht sich Sorgen um die Kollegen und auch um das eigene Wohlergehen. Subtile Beleidigungen sorgten in der Vergangenheit in einem Fall dafür, dass die Betroffene psychisch zusammenbrach, wird in der Gruppe berichtet. Obwohl sie ihre Aufgaben im Job gewissenhaft und vollkommen korrekt ausgeführt hatte, wurde sie von außen derart unter Druck gesetzt, dass sie arbeitsunfähig wurde. Polizisten berichten von Beschimpfungen wie "Hurensohn" oder "Ich fick dich in den Arsch" sowie "Polizeischlampe" gegenüber ihren Kolleginnen. Anzeigen wegen Beleidigung werden jedoch von den Gerichten meist eingestellt. "Es liegt kein öffentliches Verfolgungsinteresse vor oder es wird darauf verwiesen, dass die Institution Polizei gemeint sei und nicht der Beamte selbst", sei die Argumentation der Justiz. Übelste Beschimpfungen sind so etwas wie ein Berufsrisiko.

Notrufknöpfe, die den ausgelösten Alarm verkünden

Junge Mitarbeiterinnen berichten davon, in Notsituationen vor nicht funktionierenden Notrufknöpfen zu sitzen. Andernorts wurde das alte Notrufsystem im Büro gegen ein neues ausgetauscht. Wenn man nun auf den Alarmknopf drückt, ertönt eine laute Ansage, die auf den Hilferuf aufmerksam macht. Leider im Zweifelsfall auch den Täter. "Bei allem Willen, Mitarbeiterarbeitsplätze sicherer zu gestalten, sind wir schockiert über solche Umsetzungsideen, die eine Eskalation sogar noch befeuern können", sagt Huckel.

Das sind die Forderungen der jungen Beschäftigten

Zu wenig Sicherheitskräfte, keine klaren Dienstanweisungen und Sicherheitskonzepte, die als zahnloser Tiger in der Schreibtischschublade gehalten werden. Das ist das Resümee, das die jungen Beschäftigten zum Ende der 3. Sicherheitskonferenz ziehen. Darum zählen Forderungen wie die nach Rechtssicherheit, konsequenter Straf­verfolgung bei Anzeigen und schützende Alarmsysteme zu den Forderungen, die die jungen Beschäftigten an diesem Nachmittag für weitere Gespräche des gewerkschaftlichen Jugenddachverbandes zusammentrugen. In Kürze werden diese Punkte auch Thema bei einem Gespräch mit dem Chef der Staatskanzlei sein.