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Austausch mit der Ukraine: eine Reise, die unter die Haut ging
18.09.2018  
Es gibt Begegnungen, die gehen tief unter die Haut. Die einwöchige Reise einer 7-köpfigen Delegation der dbb jugend nrw in die Ukraine war voll davon. Das lag am Thema der Reise und vor allem an den Menschen vor Ort, deren Herzlichkeit ansteckt und begeistert.

Mit ihrem ukrainischen Partnerverband pflegt die dbb jugend nrw schon seit vielen Jahren einen erfolgreichen fachlichen Austausch. Vom 10.-17. September reisten jüngst sieben deutsche Fachkräfte der Jugendarbeit nach Tschernihiw in den Norden des Landes. Dort wollten sie sich in einem Fachkräfteaustausch mit einem Thema beschäftigen, dessen Brisanz vor der Reise zumindest auf deutscher Seite niemandem so recht klar war. Es war ein Thema, das die Menschen in der Ukraine beschäftigt wie kaum ein zweites.
Ein Thema, das das ganze Land bewegt

Schon im letzten Herbst legte die dbb jugend nrw für den Austausch mit der Ukraine 2018 folgendes Thema fest: "Fake News vs. Real News: Kritischer Medienkonsum im postfaktischen Zeitalter". Beim gewerkschaftlichen Jugendverband dachte man dabei an Falschmeldungen aus dem Internet, die manipulativ sind oder tendenziös. Die Werbung beinhalten, einzelne Inhalte überspitzen oder Meldungen aus dem Zusammenhang reißen. Das Ziel dabei: mit reißerischen Schlagzeilen und Bildern viele Menschen erreichen und Stimmung in eine bestimmte Richtung machen. Für die Menschen in der Ukraine geht es bei dem Thema "Fake News" um noch um viel mehr als all das: Sie verstehen die irreführenden oder gefälschten Nachrichten als Teil einer groß angelegten Desinformationskampagne gegen sie aus Russland. Sie wähnen sich im Krieg - in einem Krieg um die Wahrheit.

Die Delegation zu Gast bei Vertretern
des Projekts Stopfake.org

Neben vielen Fachterminen in Kiew war auch Zeit
für einen kurzen Stadtrundgang
Manipulation von Informationen hat es immer schon gegeben - von allen Seiten. Doch die Menschen in der Ukraine sehen sich im Ukraine-Krieg - im Westen immer noch häufig verharmlosend "Ukraine-Krise" genannt - der schärfsten Propagandaoffensive des Kreml der vergangenen 50 Jahre ausgesetzt. Mit der Initiative Stopfake.org versuchen junge ukrainische Journalisten, Russland den Propagandakrieg gegen ihr Land nachzuweisen. Dabei decken sie etwa auf, wie das russische Staatsfernsehen blutige Szenen aus anderen Konfliktgebieten benutzt, um ein möglichst katastro­phales Bild der Lage in der Ostukraine zu zeichnen. Auch zeigen sie, wie in russischen Nachrichten be­hauptet wird, die Ukraine gebe es gar nicht. Jeden­falls nicht als Staat mit eigener Existenz­berechtigung. Im Grunde sei die ukrainische Nation eine Erfindung westlicher Geheimdienste. Die hätten "Russen, die im Südwesten Russlands leben" fälschlicherweise zu einer "eigenen Ethnie" gemacht.

Es sind schier unglaubliche Behauptungen, die die Mit­glieder der deutschen Delegation ungläubig zur Kenntnis nehmen. Sie haben einen Termin mit Ver­tre­tern von Stopfake.org in Kiew direkt am ersten Tag ihrer Reise.

Die EU zerfällt und Europa versinkt im Chaos
Auch Fehlinformationen aus dem russischen Fernsehen über Deutschland werden ihnen dort präsentiert: 700.000 Deutsche wandern aus, weil sie Angela Merkel und ihre Politik nicht mehr ertragen, tausend Muslime setzen in Dortmund die älteste Kirche des Landes in Brand, Vergewaltigungen sind auf deutschen Straßen allgegenwärtig und die EU plant, Schneemänner zu verbieten, um die Gefühle schwarzer Mitbürger nicht zu verletzen. Allesamt Fälschungen, die in russischen Nachrichtensendern als wahre Meldungen verkauft werden.

Sie alle haben im Kern dieselbe Botschaft: Der Westen ist moralisch verdorben, die EU zerfällt und Europa versinkt im Chaos. Die wenigsten Russen reisen in ihrem Leben nach Europa, um sich von den tatsächlichen Zuständen zu überzeugen. Andererseits genießt russisches Fernsehen, das ausgiebig konsumiert wird, in der Bevölkerung hohe Glaubwürdigkeit. So fallen Behauptungen wie die genannten in Russland vielfach auf fruchtbaren Boden. Der "Fall Lisa" vom Januar 2016 macht deutlich, dass auch hierzulande eine Mischung aus politischer Propaganda und Hetze, gesteuert von russischen Medien, zu großen Unruhen führen kann.
Mehr zum Thema
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Stop Fake! (auf deutsch)
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International Renaissance Foundation
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Ukrainian Prism (auf englisch)
Mehr über gezielt gesteuerte Desinformationen erfahren die jungen Gewerk­schafter aus NRW im Ukrainischen Krisen-Medienzentrum und bei der "Inter­national Renaissance Foundation" in Kiew sowie beim "Foreign Policy Council: Ukrainian Prism" in Tschernihiw. Hier bekommen sie auch Hinweise an die Hand, die einem dabei helfen können, gefälschte Nachrichten zu erkennen. Wühlt mich die Geschichte stark auf? Stehen kleine Kinder im Vordergrund, hilflose Frauen oder hungernde alte Menschen? Kenne ich die Quelle der Nachricht und die Intention des Autors? Sind die Informationen nachprüfbar und halten sie einer Überprüfung stand? Wer Nachrichten mittels dieser Fragen überprüft, kommt der Frage nach "Fake News vs. Real News" manchmal einen Schritt weiter.

Überwältigende Gastfreundschaft

Doch was die Gruppe aus Deutschland abseits der vielen Fachtermine noch mehr bewegt, ist etwas anderes: die unfassbar herzlichen Menschen. Trotz all der Belastung, dem mühsamen Aufbau von Strukturen, den kriegerischen Auseinandersetzungen an der Ostgrenze des Landes und dem Krieg um die Wahrheit öffnen die Ukrainer den ihnen im Grunde völlig unbekannten Mitgliedern der dbb jugend nrw bereitwillig ihr Herz und beschenken sie mit überwältigender Gastfreundschaft.
In Wertijiwka werden die Delegationsmitglieder
mit Brot und Salz empfangen
In verschiedenen Universitäten des Landes werden sie mit strahlenden Studentenaugen erwartet und über Deutschland ausgefragt, der Bürgermeister von Wertijiwka empfängt sie in traditioneller Kleidung und beschenkt sie zur Begrüßung mit Brot und Salz, die Studenten des Kultur-Kollegs in Nischyn haben gleich eine komplette Musik-, Tanz- und Gesangs-Aufführung für sie vorbereitet und beim abendlichen Grillen auf einem Gelände der Feuerwehr am Fluss Dnepr in Kiew werden sie verköstigt als müsste für eine komplette Woche vorgegessen werden. Bis spät abends sitzen Deutsche und Ukrainer da zusammen, lachen und erzählen - über alle Kultur- und Sprachgrenzen hinweg, gerade so, als sei eine Großfamilie nach langer Zeit der Trennung endlich wieder vereint.
"Das war eine Erfahrung, die ich in meinem Leben nicht mehr vergessen werde", ist Sebastian Schallau, stell­ver­tretender Landesjugendleiter der dbb jugend nrw und Leiter der Delegation, auch am Tag nach der Rückkehr aus der Ukraine immer noch zutiefst beeindruckt. "Ich bin der dbb jugend nrw unendlich dankbar, dass ich die Chance hatte, dieses Land als Delegationsleiter zu bereisen. Ich habe eine herausragend gute Zeit erlebt. Jetzt, wo ich die Menschen in der Ukraine im Austausch erleben durfte, verbindet mich unglaublich viel mit diesem Land, das ich vorher gar nicht richtig kannte. Es ist Wahnsinn, wie du merkst, wie dich ein Land und die Begegnung mit ihren Einwohner derart verändern kann."

Bei Austauschmaßnahmen mit der dbb jugend nrw wächst man zusammen
Auch für die übrigen Teilnehmer/innen war der Austausch mit der Ukraine eine herausragende Erfahrung. Und sie alle freuen sich schon auf das nächste Jahr, wenn eine Delegation aus der Ukraine die dbb jugend nrw in Nordrhein-Westfalen besuchen wird. So wie man sich freut, wenn man endlich seine Familienmitglieder wiedersieht, die aus Gründen, die man gerade nicht mehr ganz erklären kann, weit entfernt in der Ukraine leben.