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Wo es das Toilettenpapier erst nach dem Gesichtsscan gibt
13.08.2019  
Würdest du gerne auf Schritt und Tritt fotografiert werden, ganz gleich ob am Arbeitsplatz, beim Einkauf oder auf der Straße? Diese Frage hat sich Juliana Dickmeis früher nie gestellt. Inzwischen beschäftigt sie das Thema sehr. Schuld daran: die dbb jugend nrw.
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Team Magenta im Reich der Mitte
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Mit dem gewerkschaftlichen Jugenddachverband reiste Juliana, besser bekannt als Jule, Anfang Juni für zehn Tage ins Reich der Mitte. "Ich freue mich sehr, dass ich es gemacht habe", sagt Jule begeistert, als wir einen Tag nach der Rückkehr aus China mit ihr telefonieren. Sie ist so überwältigt von den Eindrücken, dass sie zunächst gar nicht in der Lage ist, zu sagen, was ihr am besten gefallen hat.
Klar, räumt sie ein, haben sie die unfassbar großen Städte beeindruckt - Peking beispielsweise mit seinen 21,5 Millionen Einwohnern. Aber ehrlich gesagt fand sie kleinere Städte spannender. "Dabei ist klein relativ", sagt sie. Eine kleine Stadt hat nämlich in China auch immer noch 500.000 Einwohner. "Dennoch sieht man dort ein China, wie man es sich so von hier aus vorstellt: Die Häuser sind kleiner, es gibt Essen auf der Straße", beschreibt die 22-Jährige ihre noch frischen Eindrücke.

Erst hier fällt auf, wie frei man zu Hause ist


Was in den Straßen jedoch auch ins Auge fiel: "Überall waren Überwachungskameras und auch die vielen Polizisten auf den Straßen fielen auf", sagt Jule. Perma­nent sah man Kameras aufblitzen, die ununterbrochen Bilder von den Autofahrern machen. "Wir hatten einen Inlandsflug bei unserem Aufenthalt. Dort gab es sogar Kameras im Flugzeug, die nicht nur Bilder, sondern auch Tonaufnahmen machten", erinnert sie sich. Mit Unbe­hagen habe sie das wahrgenommen. Einem falle dann erst auf, wie frei man sich zu Hause bewegen könne. Selbst als die Mitglieder der dbb jugend nrw über die seltsame Situation im Flieger sprachen, hätten sie im Hinterkopf gehabt, dass das ganze Gespräch mit­geschnitten werde.

Zum ersten Mal in China:
Jule reiste mit der dbbj nrw ins Reich der Mitte
"Google gibt es in China nicht", sagt Jule. In China benutzt man ein eigenes soziales Netzwerk, denn auch facebook sei dort gesperrt. Wer im fernen Land groß wird, wird mit einer permanenten Überwachung groß. "Die Chinesen sammeln Sozialpunkte", so Jule. Verhält man sich im Straßenverkehr nicht gut, gibt es Minuspunkte. Kauft man ungesunde Produkte im Supermarkt, ebenfalls. Hat man hingegen angepasste Freunde oder heiratet einen Partner mit vielen Sozialpunkten, profitiert man selbst davon und sammelt Pluspunkte.

Die 7-köpfige Gruppe bereiste auf ihrer Tour
Peking und die Provinz Shandong
Warum gefilmt wird wie verrückt

China möchte damit bis zum Jahr 2020 ein System aufbauen, dass das Verhalten seiner Bürger bewertet und sie auf diese Weise nach Vorstellung der Kommunistischen Partei anleitet, ehrliche Menschen zu werden. Zahlungsmoral, Strafregister, Einkaufsgewohn­heiten und soziales Verhalten - all das wird erfasst.

Was für die Delegationsmitglieder der dbb jugend nrw höchst irritierend war, ist für die Chinesen gelebte Wirklichkeit. "Wir haben unsere Begleiter auch gefragt, wie sie das selbst finden", sagt Jule. Die Antwort: "Sie fänden es gut, dass man überall fotografiert wird. So könnten die Menschen schneller identifiziert werden, die etwas Schlechtes im Schilde führten."

Toilettenpapier erst nach Gesichtsscan
Den Gipfel der Absurdität erreichte es aus Jules Sicht auf öffentlichen Toiletten. "Auch für den Verbrauch von Toiletten­papier gibt es offenbar Sozialpunkte", sagt die junge Gewerkschafterin. Das hat zur Folge, dass es im Eingangsbereich öffentlicher Toiletten Gesichtsscanner gibt. Erst nach dem Scan des eigenen Konterfeis rückte der Automat eine fest bemessene Menge Toilettenpapier heraus.

Hin und wieder gab es die Gelegenheit, kritischer nachzufragen und Entwicklungen, die den jungen Gewerkschafts­mit­glie­dern aus Deutschland auffielen, in Frage zu stellen. "Fragen, die Chinesen allein aufgrund ihrer Höflichkeit niemals stellen würden", merkt Jule an. Ein Beispiel: die Ein-Kind-Politik in China oder die Menschenrechte. "Bevor wir Antwort bekamen, drehte sich der Befragte um und antwortete erst dann."

Kritische Fragen auch beim Ehrenamt
Auch das Thema der Reise "Jugendliche und Ehrenamt" warf für die jungen Reisenden Fragen auf. Manche aus der deutschen Gruppe hinterfragten, ob Ehrenamt wirklich eine freiwillige Angelegenheit sei, denn auch für einen solchen sozialen Dienst bekommt man Punkte. "Die zu sammeln ist wichtig für das persönliche Fort­kommen", erklärt Jule. Davon hängt ab, zu welchem Schulabschluss man eine Zulassung bekommt und wie erfolgreich man im Job sein wird.

Extrem auch: "Die Selbstständigkeit ist dort gar nicht hoch", sagt die 22-Jährige. Neben Rolltreppen stehe Personal, das pausenlos mit einem "Watch your step" auf die Rolltreppe aufmerksam mache. Als sich die Gruppe in einer Ausstellung auf den Boden setzte, wurde man beim Aufstehen gleich darauf aufmerksam gemacht, dass man rutschen könne. In Wohnheimen gebe es extra Personen, die darauf achten, dass alle Studenten morgens zeitig aufstehen und geputzt wird. Es sei nicht die Selbstständigkeit, die alle von hier kennen, sagt Jule.

Die chinesische Mauer ist nicht nur groß,
sondern stellenweise auch sehr steil
Diese und andere tiefe Einblicke machten China zum spannenden Reiseziel für die junge Frau. Stellt sich die Frage: Wie viele Visitenkarten hat sie denn nun gebraucht? "Ich glaube, so in etwa sechs Stück", erinnert sie sich. Sie hat also unendlich viele Visitenkarten übrig behalten. Aber sei es drum: Hauptsache, im Austauschland ist sie gut in Erinnerung geblieben, denn das war ihr schon vor der Reise sehr wichtig.