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Verführte Jugend: Vorurteile, Rassismus und Extremismus
16.03.2020  
Fachkräftemaßnahme in Israel

Sieben Ehrenamtliche der dbb jugend nrw machten sich Ende Februar auf den Weg nach Israel. Ihr Ziel: Mehr darüber zu erfahren, was man tun kann, damit junge Menschen weniger anfällig sind für populistisches und extremistisches Gedankengut. Es war ein nachhaltiger Austausch, der auch fesselnde Eindrücke in ein faszinierendes Land ermöglichte.

Die Lebensphase der Jugend ist für viele junge Menschen gekennzeichnet durch innere Prozesse, Veränderungen und Umbrüche bis hin zu Brüchen in der Biographie. Häufig entwickeln Jugendliche die Tendenz, sich vom Elternhaus, dessen Lebensvorstellungen, Urteilen und Werten abzulösen. Viele Jugendliche sind in dieser Phase auf der Suche nach ihrer eigenen Identität, ihren eigenen Werten und Lebenszielen, die ihrem Leben Sinn geben. Dies macht sie bisweilen anfällig für populistisches und extremistisches Gedankengut und vermeintlich einfache Antworten auf komplexe Fragestellungen. Für eine Fachkräftemaßnahme rund um dieses Thema reisten sieben Ehrenamtler der dbb jugend nrw vom 17.-23. Februar nach Israel.
Sieben Ehrenamtliche der dbb jugend nrw waren vom 17.-23. Februar auf Fachkräftemaßnahme in Israel
Die Fachtermine in verschiedenen Städte Israels, die der dbb jugend nrw ermöglicht wurden, erlaubten sehr detaillierte Einblicke in das Thema aus israelischer Perspektive. So erfuhren die Delegationsmitglieder im Gespräch mit dem Stellvertretenden Bürgermeister der Stadt Hadera, Nir Ben Haim, mehr über die Situation von Jugendlichen in der Stadt. Wie überall sind auch in Hadera junge Menschen in der Phase der Adoleszenz auf der Suche nach ihrer eigenen Identität sowie ihren eigenen Werten und Lebenszielen. Diese Phase bringt mitunter Unsicherheit und Orientierungslosigkeit mit sich. Nach Einschätzung von Nir Ben Haim habe die Suche nach Sinn, Halt und Orientierung für junge Menschen zumindest in Hadera in letzter Zeit eher noch zugenommen. Jugendlichen in der Stadt fiele es immer schwerer, eine klare Perspektive zu entwickeln, Verantwortung zu übernehmen und ihre Rolle in der Erwachsenenwelt und der Gesellschaft zu finden. Er beobachte bei jungen Menschen ein nachlassendes Interesse, ins Berufsleben einzusteigen und den vermehrten Wunsch, die Phase der Orientierung mit Reisen und unverbindlichen Freizeitangeboten möglichst zu verlängern. Als Bürgermeister mache ihm diese Entwicklung große Sorgen. So richtig habe man noch kein Rezept gefunden, wie man diesem Trend grundsätzlich entgegenwirken könne.

Spezielle Angebote für vulnerable Jugendliche

Welche Angebote es in Hadera speziell für vulnerable Jugendliche gibt, die mit besonderen Herausforderungen zu kämpfen haben, erfuhren die Delegationsmitglieder bei einem Besuch im "Hadera Youth Center". Die dort tätigen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter stellten ihre Einrichtung vor und berichteten von den Besonderheiten ihrer Arbeit mit Jugendlichen, die in schwierigen Verhältnissen groß geworden sind, keine Unterstützung durch ihre Eltern erfahren, obdachlos sind, psychisch krank oder aus anderen Gründen sozial nicht gut integriert. Auf die Darstellung der israelischen Fachkräfte folgte eine längere Diskussion über den Umgang mit der Gefahr, dass sich rassistische, extre­mis­tische und xenophobe Gruppierungen mit einfachen Lebenskonzepten und Pseudolösungen labiler Jugendlicher bemächtigen können, um sie mit ihren Ideologien zu indoktrinieren.

Bei einem weiteren Fachtermin in Hadera im "Meitar Youth Village for Youth at Risk" wurde dieses Problem vertieft behandelt. Das Youth Village for Youth at Risk ist eine Anlaufstelle für Jugendliche mit schwierigem familiärem Hintergrund, die auf der Suche nach Halt und verlässlichen Strukturen sind. Diese jungen Menschen werden in diesem Zentrum betreut und können dort auch arbeiten, um auf diese Weise in einem geschützten Rahmen den Arbeitsalltag von Erwachsenen kennen zu lernen. Den Besuchern aus Deutschland wurde auch ein Programm der Stadt Hadera vorgestellt, das zum Ziel hat, junge Menschen von der Straße zu holen, um sie davon abzuhalten, auf die schiefe Bahn zu geraten und sich zu radikalisieren bzw. radikalisiert zu werden. Auch im Anschluss an diese Vorstellung gab es viel Gelegenheit zum Austausch.

Filterblasen und Echokammern im Social Web


Die Radikalisierung von jungen Menschen war auch Thema bei der MUNI WORLD-Konferenz, an der die Gruppe während ihres Aufenthalts in Israel an einem Programmtag teilnahm. Besonders interessant und gewinnbringend war hier der Vortrag der Direktorin der Anti-Defamation League Israel (deutsch: Anti-Diffamierungs-Liga), ADL Israel, Carole Nuriel, über das Thema "Hate Crime". Auch hiervon sind junge Menschen besonders betroffen. Insbesondere über das Internet, soziale Medien und moderne Kommunikationsmittel ist es heutzutage so leicht wie nie, junge Menschen gezielt anzusprechen und zu manipulieren. Angefangen von Hate Speech mit abwertender und verachtender Sprache gegen­über (vermeintlich) Andersartigen bis hin zu obskuren Verschwörungsmythen sind Internet und Chat-Gruppen Orte, an denen man schnell in eine Filterblase hineingezogen werden kann, in der man sich zunehmend radikalisiert. Diese Radikalisierung kann im Extremfall bis hin zu Gewalttaten gegenüber bestimmten verhassten Bevölkerungsgruppen führen.

Im Anschluss an diesen Vortrag wurde das Thema "Hate Crime" im Rahmen der Konferenz auf einer Podiums­diskussion mit Uwe Becker (Bürgermeister Frankfurt am Main), Nick Forbes (Ratsvorsitzender Stadt Newcastle) und Lior Haiat (Sprecher des israelischen Außenministeriums) weiter fortgeführt. Im weiteren Tagesverlauf nutzte die Gruppe die Möglichkeit, mit diesen und weiteren Teilnehmer/innen der Konferenz zu diesem Thema unter besonderer Berück­sich­ti­gung des Aspekts der jungen Menschen noch vertiefend ins Gespräch zu kommen. Die auf der Konferenz thematisierten "Hate Crimes" waren auch Gesprächsinhalt an einem anderen Tag des Fachprogramms: beim Besuch der Gruppe in Rishon LeZion und einem Austausch mit den örtlichen Sicherheitsbehörden.

Respekt macht immun gegen stereotypes Denken

Die wichtigste Aufgabe für Jugendverbände und andere Akteure der Arbeit mit jungen Menschen liegt darin, sie zu unterstützen, Demokratie, Freiheit, Frieden und Verantwortung als Grundwerte ihres Denkens, Handelns und Fühlens zu verwirklichen. Denn der Respekt vor menschlichen Werten macht immun gegen stereotypes Denken und Handeln, Rassis­mus und Extremismus. Wie in Deutschland an diesem Thema gearbeitet wird, soll Thema des Gegenbesuchs einer israelischen Delegation hier in Nordrhein-Westfalen im kommenden Jahr sein. Alle Beteiligten freuen sich schon sehr auf das Wiedersehen.
Diese Maßnahme wurde gefördert durch ConAct: