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"Wir sichern das Leben der Menschen"
07.04.2020  
Als viele Einzelhändler und Betriebe wegen der Corona-Pandemie am 18. März die Türen schließen, beginnt in den Arbeits­agenturen und Jobcentern im ganzen Land unvorhergesehen eine besonders arbeitsintensive Zeit. Was die Beschäftigten dort von vielen ungesehen seither leisten.

Die Abteilung Kurzarbeit und Insolvenzgeld der Agentur für Arbeit in Rheine hat wenige Mitarbeiter. Diese bearbeiten alle Anfragen rund um diese Themenbereiche. Der größte Taktgeber der Arbeit ist die Saisonarbeit. Über Nacht sollte sich das plötzlich ändern. Denn durch die Notwendigkeit für zahlreiche Einzelhändler, von jetzt auf gleich am 18. März die Ladenlokale schließen zu müssen, und bedingt durch Produktionsausfälle und einbrechendes Geschäft in anderen Betrieben ist das Wort Kurzarbeit in aller Munde. Die Folge: hunderte Arbeitgeber, tausende Fragen, aber nur eine Handvoll Ansprechpartner.
Wie über Nacht alles anders wurde

Von einem Tag auf den anderen hieß es in den Arbeitsagenturen daher umdenken und umdisponieren. Am 13. März sei man mit dem Thema Kurzarbeit noch relativ locker umgegangen, sagt Beatrice Wellermann, stellvertretende Jugendvertreterin in der Gewerkschaft Arbeit und Soziales vbba nrw und selbst Beschäftigte in der Agentur für Arbeit in Rheine. "Am 16. März saß ich abends nach neun Stunden Telefonberatung mit heiserer Stimme zu Hause", fügt sie an. Innerhalb von drei Tagen finden sich die Beschäftigten in den Agenturen für Arbeit und auch in den Jobcentern unter vollkommen anderen Arbeitsbedingungen wieder. Aus Arbeitsvermittlern werden so unter anderem Berater in Fragen rund um das Kurzarbeitergeld.

Jetzt bearbeitet man dort mit 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern alle Anfragen zu Kurzarbeit. "Wir sind tele­fonisch Ansprechpartner für alle Fragen rund um die Erstberatung zu Arbeitsausfall", sagt Beatrice. Pausen­los erklären sie und ihre Kollegen Arbeitgebern, welche Voraussetzungen für Anträge auf Kurzarbeit erfüllt sein müssen, wie hoch die Summe des Kurz­arbeiter­geldes ist und wo man die Antrags­dokumente downloaden kann.

Ohne persönlichen Kontakt wird es schwer

Für Freizeit bleibt Beatrice Wellermann
im Moment kaum Zeit

Stefanie Rumann arbeitet im Großraumbüro täglich viele Stunden - unsichtbar für die Öffentlichkeit
Auch im Jobcenter ändert sich plötzlich alles: Aus persönlichen Einzelberatungen werden Telefon­bera­tungen. "Alle, die zuvor zur Beantragung von Leistungen wie Hartz IV zu uns gekommen sind, müssen nun telefonisch erklärt bekommen, was zu tun ist", sagt Stefanie Rumann, Jugendvertreterin im vbba nrw und Mitarbeiterin im Jobcenter Gelsenkirchen-Buer.

Einfach ist das nicht, denn oft benötigen auch Menschen mit anderer Muttersprache Beratung, die erhebliche Probleme mit der deutschen Sprache haben. "Dann fehlt der Dolmetscher, der sonst dabei ist, und die Erklärung mit Händen und Füßen ist ebenfalls nicht mehr mög­lich", sagt Rumann. Doch ob in den Bereichen Geld­leistung oder im Eingangsbereich, überall zeigen sich die Mitarbeiter flexibel, schließen sich in neuen Teams zusammen und unterstützen andere Arbeits­bereiche, erzählt Steffi Rumann.

Neuland für alle, Überstunden inklusive

Von starren Strukturen und unflexiblem Arbeiten ist man sowohl in den Jobcentern als auch in den Agenturen für Arbeit weit entfernt. Innerhalb weniger Stunden arbei­te­ten sich beispielsweise die Teams in den Agenturen für Arbeit mit Hilfe einer Infomail, die eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Frage­stellungen beinhaltete, in die auch für sie neue Materie ein.
"Als wir am 16. März morgens zum ersten Mal um 8 Uhr in die Telefonhotline gingen, hatten wir zu Beginn selbst nicht mehr als dieses kurze Handout", sagt Beatrice. Aber alle waren gewillt, per Learning by Doing Lösungen und Antworten auf all die an sie gestellten Fragen zu bekommen. Mit diesem Startschuss war für alle klar, dass sie versuchen würden, den zum Teil sehr verzweifelten Arbeitgebern bestmöglich zu helfen - auch wenn das zahlreiche Überstunden bedeuten würde.

Unter Dauerstrom am Telefon

Das hieß an den Hotlines Dauerbeschuss zwischen 8 und 18 Uhr und ein Telefonat nach dem nächsten. Ein Tag voller Fragen und nur 30 Sekunden vorgesehene Zeit nach einem Telefonat für die Nachbearbeitung und Dokumentation. Das war nicht zu schaffen. Aber auch dafür fand man Lösungen.

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Über den guten Kontakt zur Wirtschaftsvereinigung in Rheine stellte man gemeinsam innerhalb weniger Tage ein neues Konzept auf die Beine: ein Video-Online-Meeting. Bei dem berät Beatrice 20 bis 60 eingewählte Arbeitgeber gleichzeitig. "Auf diesem Wege haben wir über 300 Arbeit­geber angesprochen", sagt die junge Frau. Aus den dort gestellten Fragen erstellte sie einen umfassenden Frage-Antwort-Katalog, den sie dann wiederum ihren Kollegen zur Unterstützung an die Hand geben konnte.

Stolz auf unbürokratische und schnelle Hilfe


Was sie und ihre Kollegen bei ihrer Arbeit aufbaut: "In den letzten zwei Wochen haben sich viele sehr für die un­büro­kratische und schnelle Hilfe bedankt und auch dafür, dass wir trotz unserer eigenen stressigen Situation so nett und freundlich sind", sagt sie. Auch der Teamleiter tut alles, um seine Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen. Er spendiert Kaffee oder bringt Kuchen mit. Das lässt die Arbeit im Team noch familiärer werden.

Stefanie Rumann ist sich sehr bewusst, welche berufliche Verantwortung sie jetzt gerade trägt: "Wir sichern das Leben der Menschen. Ich bin dafür da, dass alles weiterläuft. Wir tun alles für die Menschen, um sicher­zu­stellen, dass sie gut leben können." Da motiviere es, wenn man von den Kunden Lob bekomme. "Ich sitze im Großraumbüro, mich sieht keiner, aber ich gehe auch jeden Tag zur Arbeit, um für die Gesellschaft zu arbeiten", sagt Rumann.

Was vielen Mitarbeitern im Öffentlichen Dienst fehlt

Was sich die Beschäftigten in den Agenturen für Arbeit wie auch den Jobcentern wünschen würden: Eine öffentliche Anerkennung und auch der Respekt für die Arbeit unter solch schwierigen Bedingungen aus den übergeordneten Behörden und der Politik. Beatrice spricht die Empfindungen der Beschäftigten stellvertretend aus: "Alle gucken auf die Verkäuferinnen, die Ärzte und das Pflegepersonal - sie sind auch unendlich wichtig. Dennoch schaut niemand auf uns."