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Trauen trotz Corona - wie Recht und Liebe jetzt zusammenfinden
23.04.2020  
Hochzeiten gehören zu den schönsten großen Feiern im Leben. In diesen Tagen aber werden sie zu stillen und ein­samen Festen. Viele angehende Brautpaare haben darum ihre Hochzeit abgesagt. Manche aber heiraten jetzt erst recht. Standesbeamtin Heidi Becker erzählt, wie anders jetzt alles ist.

Im April startet die Hochzeitssaison so richtig durch. Die Termine im Standesamt sind meist schon lange im Voraus verein­bart, Locations zum Feiern gebucht, Familie und Freunde eingeladen. Doch in diesem Jahr ist alles anders.

Homeoffice statt Trauzimmer

Standesämter haben geschlossen, Brautpaare entscheiden sich zur Absage ihrer lange geplanten Trauung und Standes­beamte arbeiten plötzlich im Homeoffice. Alle müssen in Zeiten der Corona-Krise erfinderisch sein. Auch in Remscheid ist man das.

Das Trauzimmer in Remscheid:
Arbeitsplatz von Standesbeamtin Heidi Becker
"Mitte März haben wir beschlossen, dass wir für den nor­ma­len Publikumsverkehr schließen", sagt Heidi Becker, Standesbeamtin in Remscheid und Mitglied im Perso­nal­rat. Für ihre Kollegen und sie hieß das: Die über­wiegende Arbeit der Standesbeamten - nämlich das Be­urkunden von Sterbefällen und Geburten sowie Namensrecherchen in Zusammenhang mit der Eintra­gung von Namenserklärungen - wurden ins Homeoffice verlagert. Alle Außenstandorte, wie zum Beispiel der Rathausturm, das Stadttheater oder das Röntgen-Museum, an denen außerhalb des Rathauses norma­ler­weise Trauungen stattfinden, wurden ge­schlossen. Auch Hochzeiten, so war klar, würden nur noch unter strengen Auflagen stattfinden können.

Wie anders Hochzeiten in Corona-Zeiten sind
Auf die Standesbeamten kam die schwierige Aufgabe zu, alle zur Trauung angemeldeten Hochzeitspaare anzurufen und ihnen mitzuteilen, dass aus Gründen des Infektionsschutzes nicht mehr als das Brautpaar, die Trauzeugen und ein Fotograf bei der Trauung anwesend sein dürften. Nach nur einer Woche mussten diese Auflagen noch weiter einge­schränkt werden. "Das Brautpaar darf seitdem nun nur noch alleine kommen", sagt Heidi Becker. Es gibt sogar noch ein darüber hinaus gehendes Szenario für den Fall, dass die Maßnahmen noch weiter verschärft werden müssten. "Das Brautpaar würde dann durch die Scheibe der Pförtnerloge vom Standesbeamten getrennt verheiratet", erklärt Heidi Becker.
Doch auch ohne dies ist die Situation bereits jetzt alles andere als heimelig: Aus Hygienegründen wurde die Dekoration im Trauzimmer entfernt. "Das macht das Des­infizieren leichter", schildert Becker. Die Bank, auf der das Brautpaar im Trauzimmer Platz nimmt, wurde weiter nach hinten gerückt. So liegt nun eine Distanz von rund drei Metern zwischen ihr als Standesbeamtin und dem Brautpaar. Zudem ist die Trauung auf ein Mindest­maß zusammengefasst. Ein Treffen zur Vor­be­sprechung und auch das Berücksichtigen persönlicher Worte fallen weg. Es muss schnell gehen.

Warum manche gerade jetzt heiraten wollen

Viele Paare sagten in Folge des verschärften Infektions­schutzes ihre Trauung ab. "Für die meisten ist es undenkbar, ohne ihre Liebsten zu heiraten", schildert Becker die Erfahrungen der Standesbeamten. Aber nicht alle Paare entscheiden so. Es gibt auch die, die sich gerade jetzt dazu entschließen, sich das Ja-Wort zu geben. "Manche erwarten Nachwuchs, darum ist es ihnen gerade in dieser Zeit wichtig, zu heiraten", sagt Becker. Die, die in diesen Zeiten zum Standesamt kommen, entscheiden sich noch bewusster zu diesem Schritt.

Aus Hygienegründen inzwischen entfernt: die
normalerweise übliche Dekoration im Trauzimmer
Es sind auch ältere Paare dabei, die bereits lange zusammen sind und auch bereits Kinder haben. In der kurz gehal­tenen Trauung scheinen die Beweggründe der Paare meist durch. "Das kann die Sorge sein, dass vielleicht doch einem von beiden etwas zustoßen könnte", sagt Becker. Denn die Heirat im Standesamt bringt Ehepartnern andere rechtliche Möglichkeiten. Heidi Becker spricht aus, was manchem Paar durch den Kopf geht: "Wenn der Partner auf der Intensivstation liegt, kann das wichtig sein." Alles Dinge, an die man normalerweise an so einem Tag nicht so schnell denkt.
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Zu trauen braucht jetzt mehr Feingefühl denn je

Das wissen auch die Standesbeamten und haben mit viel Feingefühl überlegt, wie man trotz der nötigen räumlichen Distanz und des engen Zeitrahmens die passenden Worte finden kann. Gerade in einer Zeit, in der eine Trauung von vielen als unpassend empfunden wird.

Auch wenn die Heirat vor dem Gesetz in Remscheid im Moment nicht mehr als zehn bis 15 Minuten dauern darf, versuchen die Standes­beamten ihr Bestes, um den Moment der Trauung trotzdem besonders werden zu lassen. "Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich sagen soll", sagt die junge Remscheider Standesbeamtin. Denn am Tag der Hochzeit mag man vielleicht nichts über Corona hören. Andererseits ist das Thema allgegenwärtig. - Diese Fragen trieben Heidi Becker um.

Die Suche nach den rechten Worten


"Sicherlich haben Sie sich Ihre Trauung anders vorgestellt", mit diesen Worten beginnt sie nun. Das öffnet die Tür in ein kurzes, oft sehr persön­liches Gespräch. Sie führt es weiter in eine Quintessenz, die die Paare auch auf ihr Leben bezogen mitnehmen können: 1. Nichts ist selbst­ver­ständ­lich. 2. Nichts ist unmöglich. - "Ich möchte den Braut­paaren damit auf den Weg geben, sich als Geschenk zu sehen", sagt Becker.

Damit gibt sie denen, die sich trauen, selbst ein Geschenk mit: "Normaler­weise lesen ich und meine Kollegen eine kurze Geschichte oder einen besonderen Vers vor", sagt Heidi Becker. Das soll den Hochzeitstag unter ein besonderes Licht setzen. Nun ist keine Zeit mehr dafür. Was aber bleibt: Die Zeit, diese Worte gedruckt mit nach Hause zu geben.