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Als Schulen schließen sind die Lehrer gefragt
14.05.2020  
Es ist Freitag der 13. als in Nordrhein-Westfalen die Schulen schließen. Eine nie dagewesene Situation - für Schüler, Lehrer und Eltern gleichermaßen. Irritation, Unsicherheit und die Frage: Wie soll es jetzt weitergehen? Wie Ideen­reich­tum und Flexibilität ungewöhnliche Lösungen entstehen lassen.

Als mit Erlass der Landeregierung alle Schulen in Nordrhein-Westfalen am 13. März die Schultüren dauerhaft zu­schließen, herrscht eine Mischung aus Ungläubigkeit und Verunsicherung. Durch die Schulschließungen sollen nach dem Willen der Kultusministerkonferenz keine Nachteile für die Schüler entstehen. Prüfungen sollen stattfinden oder nachgeholt werden. Wie aus diesen Beschlüssen jedoch gelebte Wirklichkeit werden soll, das liegt ab diesem Moment in der Hand jeder einzelnen Schule in NRW.

Neue Situation mit vielen Fragen

In manchen Schulen gibt es noch am selben Freitag erste hastig einberufene Konferenzen. Andere starten montags darauf mit Dienstbesprechungen und Planungsgesprächen. Alle mit dem Ziel, sicherzustellen, dass die Eingaben des Schulministeriums umgesetzt werden können.

"Seitdem ist meine Arbeit nicht mehr das, was sie vorher war", sagt Georg Hoffmann. Er ist Lehrer an einem Kölner Gymnasium und Vorsitzender der Jungen Philologen Nordrhein-Westfalen. Denn das Lernen auf Distanz ist im Schulsystem so nie vorgesehen gewesen. Trotzdem ist es plötzlich da. Und das in einer Situation, in der längst nicht alle Schulen flächendeckend und stabil auf dem gleichen Stand in Sachen Digitalisierung sind. Während es mancherorts schon an WLAN in den Lerngebäuden hapert, sind andere Schulen bereits so weit mit der Digitalisierung fortgeschritten, dass das Lernen über geleaste Tablets zum täglichen Brot gehört.

Keine einheitliche Plattform in NRW
(c) by ohneski / photocase.de
Die Schließung der Schulen hat die Welt von
Schülern, Lehrern und Eltern auf den Kopf gestellt
Mit einer solchen Ausstattung stehen diese Bildungs­einrichtungen besser da als andere. "Die Plattform, die das Land NRW zur Verfügung stellt, ist noch zu unzureichend und für einen Zugriff aller Schulen in NRW aktuell noch nicht ausgelegt", sagt Georg Hoffmann. Dennoch setzt überall ab dem 16. März das Suchen nach passenden und flexiblen Lösungen ein. "Das war nicht leicht, weil alle Schulen von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen und sehen mussten, wie sie das gestemmt bekommen", resümiert Georg diese Zeit.

Ein zusätzliches Problem: Viele Lehrer haben die Sorge, etwas zu tun, für das es keine Rechtssicherheit gibt. Das Engagement und die Bereitschaft der Lehrer seien insgesamt groß, aber bei der Verwendung digitaler Tools im Unterricht sei beispielsweise eine „White List“ hilfreich. Das gebe Rechtssicherheit, die gerade in den Zeiten des Lernens auf Distanz mehr Sicherheit und weniger Diskrepanz in den Lehrangeboten gegeben hätte.

"Es geht nicht nur um Wissen"
Weil sich Georg Hoffmann nicht nur als Wissensvermittler begreift, sondern auch als Pädagoge begibt er sich auf die Suche nach Lösungen zur Vermittlung und Weitergabe von Materialien. Gemeinsam mit seinen Kollegen denkt er auch über Möglichkeiten nach, die Schüler mit ihren Sorgen und Ängsten aufzufangen. "Denn Schule ist eben einfach unendlich viel mehr als ein Austausch am Bildschirm und das Bearbeiten von Materialien", sagt er.

Denn die Welt ist wie verdreht: Schüler, die sich sonst über jeden unterrichtsfreien Tag freuen, sind plötzlich traurig, weil sie die gemeinsame Zeit in der Schule vermissen, ihre Lieblingslehrer und das Miteinander. "Ich beobachte aber auch viele Sorgen bei manchen Schülern", stellt Georg Hoffmann fest. Das ist für viele Lehrer zusätzlich zur Suche nach alternativen Formen der Wissensvermittlung eine Motivation, sich im Angebot der Videochat-Plattformen zu orientieren. Damit zeigt sich jedoch ein weiteres Problem: "Jede Videoplattform hat ihre eigenen Stärken und Schwächen. Manche sind vom Datenschutz her umstritten, andere eignen sich von der Useability nicht für den Chat in großen Gruppen", sagt der junge Lehrer.

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Nach ersten Startschwierigkeiten ist er jedoch soweit und bietet vor allem für seine eigenen Klassen regelmäßig Videochats an. "Wir reden zu Beginn der Chats darüber, wie es den einzelnen Schülern geht und welche schönen Ereignisse es gab", sagt Georg. Es ist ihm wichtig, dass auf diese Weise alle von den anderen etwas mitbekommen und die Klassen­gemeinschaft auch weiter gefördert wird.

Im Videochat werden dann Fragen zu den über Clouds zur Verfügung gestellten Aufgaben beantwortet und besprochen. Auch für ihn als Lehrer fühlt sich der gemeinsam Unterricht so zunächst etwas sperrig an: Es mussten feste Regeln für die neue Unterrichtsform vereinbart und erklärt werden. "Ich musste beispielsweise selbst erst lernen, dass es sinnvoll ist, zu Beginn des Chats alle Schüler erst einmal stumm zu schalten", gibt er unumwunden zu. Als Moderator schaltet er "aufzeigende Schüler" ein­zeln laut. Ansonsten droht der Chat zur Chaosrunde zu mutieren. Alltag sieht anders aus.

Dennoch haben viele gelernt, mit solch vorher unbekannten Technik­features umzugehen. Im Musikunterricht lässt der Gymnasiallehrer die Bläserklasse selbst ausgewählte Stücke vor­spielen. Er weiß, dass er damit den Schülern viel Disziplin abverlangt, denn "einfach mal zuhören" ist eben nicht einfach. Er und die Schüler haben gelernt, online in Break-out-Rooms in Kleingruppen zu arbeiten und später die Ergebnisse in der Gesamtgruppe zu präsentieren.

Unterwegs in der Grauzone

Das setzt viel Flexibilität in der Denke von Schulleitern und Lehrern voraus, denn mit einigen der gut gemeinten und gern genutzten Angebote bewegen sich alle in einer Grauzone in Sachen Datenschutz und -sicherheit. "Meist arbeiten sowohl Schüler als auch Lehrer zum Beispiel mit ihren privaten Geräten", führt er der Lehrer aus.

Enttäuscht seien laut Hoffmann viele Lehrer vom Krisenmanagement des Ministeriums für Schule und Bildung. Besonders beim Arbeits- und Gesundheitsschutz habe es viele offene Fragen und damit große Unsicherheit gegeben.

"Wir standen und stehen zudem vor enormen Herausforderungen und einem hohen Arbeitspensum und sehen gerade jetzt, dass es noch viel Modernisierungs- und Entwicklungsbedarf in den Schulen gibt", sagt Georg Hoffmann. Was ihn und viele Kollegen außer seiner Liebe zum Beruf motiviert, in den schweren Zeiten durchzuhalten: "Die Dankbarkeit vieler Eltern dafür, ihnen in diesen Zeiten im Homeoffice, in Zeiten von Kurzarbeit oder auch gerade, wenn sie arbeiten gehen, den Rücken frei zu halten."