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"Einsame und allein Sterbende sind die wirkliche Tragödie dieser Krise"
15.05.2020  
Die Corona-Krise verlangt vielen Beschäftigten im Öffentlichen Dienst sehr viel ab. Bei all diesen Tätigkeiten gibt es einen, bei dem die Fäden in der Verwaltungsspitze zusammenlaufen und der am Ende die Hauptverantwortung trägt. Wie ist es für einen Bürgermeister, eine solche Krise zu meistern? Lutz Urbach, Bürgermeister von Bergisch Gladbach, erzählt das.

Krisen haben die Eigenart, dass sie plötzlich da sind. "Man geht morgens ins Büro und plötzlich steht ein Thema im Raum, das man vorher nicht kannte", sagt Lutz Urbach, Bürgermeister der 113.000 Einwohner-Stadt Bergisch Gladbach. So war es zuletzt in der Flüchtlingskrise vor einigen Jahren. Sie war schwer zu kalkulieren. Auch in dieser Krise ist es so.

"Das Problem kann von Anfang an ein Riese von 2,30 Metern sein oder ein Püppchen von 50 Zentimetern, das dann aber wächst", beschreibt Urbach. Das neue an der aktuellen Notlage: Es geht um Leib und Leben aller Menschen.

Arbeitet in der Corona-Krise viel per E-Mail, Telefon
und Videokonferenz: Bürgermeister Lutz Urbach
Corona-Statistik als echte Chefsache

Doch in Bergisch Gladbach hat man sie gut gemeistert. Die Zahl der Infektionen ist am 6. Mai wieder auf dem Stand vom 23. März. Urbach hat selbst jeden Tag per­sön­lich eine Statistik dazu geführt. Die Arbeitslast ist seit Beginn der Corona-Krise nicht nur in vielen Ver­wal­tungs­bereichen gestiegen, sondern auch bei ihm.

In den mehr als zehn Jahren, die er Bürgermeister ist, erreichen ihn täglich viele E-Mails. Sie kommen ohne Umwege gleich auf seinen Monitor, nicht ohne Grund: Lutz Urbach ist der direkte Kontakt sehr wichtig. Doch in den letzten Wochen sei er fast an einen Punkt gelangt, an dem er die Menge nicht mehr verarbeiten konnte und eine Kollegin sogar um eine Zusammenfassung der letzten E-Mails gebeten habe.
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"Natürlich finde ich die Situation herausfordernd", sagt Lutz Urbach. Neben dem Erstellen von Desinfektionsplänen und der Planung anderer Maßnahmen gehen ihm vor allem viele menschliche Dinge durch den Kopf. Urbach erzählt von einem jungen Mädchen mit Behinderung. Alle paar Wochen treffe er sich mit ihr zum Kickerspielen. Das Kontaktverbot und die Schließung der Jugendeinrichtung hat das nun über Wochen unmöglich gemacht. Gerade erst hat sie ihn über WhatsApp kontaktet, um zu fragen, wann die Einrichtung wieder öffnet, erzählt Urbach und fügt an: "Genau das zeigt doch, wie wichtig es ist für sie - wie auch für andere - Menschen zu begegnen."

Vor allem die Situation der einsamen und kranken Menschen mache ihm zudem Sorge. Erst mit der Zeit sei für ihn diese Seite der Corona-Krise sichtbar geworden. "Ich finde das menschlich belastend, mir vorzustellen, dass Menschen ins Krankenhaus kommen, beatmet werden und viel­leicht einsam sterben", sagt Lutz Urbach. Er spricht von Angehörigen, die um ihre Liebsten bangen und nicht zu ihnen können. Er spricht von Menschen, die alleine und ohne Nähe zu ihren Familien sterben müssen. Und auch von jenen, die in Pflegeheimen seit Wochen abgeschnitten von ihren Familien sind. Einsam eben. Alle anderen Herausforderungen der letzten Wochen empfindet Urbach im Vergleich zu solch menschlichen Tragödien als weniger drastisch.

Netzwerkarbeit lässt Unmögliches möglich werden

All die anderen Aufgaben sind auch aus anderem Grund leichter zu bewältigen: "Ich habe das beste Team der Welt", sagt er und meint es wirklich so. Jeder habe sofort begonnen, seine Bereiche zu kategorisieren, Vorsorge zu treffen und durch Doppelteams die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen.

Dazu zählt neben vielen anderen Dingen die Arbeit der Krankenhäuser. Sehr früh habe man in Bergisch Gladbach darauf hingewirkt, dort Kapazitäten für den Notfall bereit zu halten. Derzeit seien 40 bis 50 Prozent der Betten leer, so dass man auch planbare Operationen wieder stattfinden lassen könne.

Neben der verwaltungsinternen guten Zusammenarbeit habe die gute Netzwerkarbeit geholfen. Als man vor dem Problem stand, keinen Zugriff mehr auf Desinfektionsmittel zu haben, habe er den kurzen Draht zu einem Unternehmer aus Bergisch Gladbach gesucht. Tatsächlich habe sich über diesen Draht die Herstellung von eigenen Des­infektions­mittel­vorräten antreten lassen. "Durch diese Zusammenarbeit konnte ein Apotheker die Desinfektion auch der Bevölkerung zum Selbstkostenpreis anbieten", sagt Bürgermeister Urbach. Aus der Krise einen persönlichen Profit schlagen wollte dort niemand. Ihm imponiert das: "Das sind Menschen, die klasse sind."

Blick auf Solidarität und Uneinsichtigkeit

An vielen Stellen habe er in den letzten Wochen Solidarität erlebt. Viele haben verstanden, dass die gesamte Verwaltung unter Volllast laufe. Dennoch mache ihn das nicht blind für Momente, in denen er sich mehr Zusammenhalt gewünscht hätte. "Erst heute Morgen habe ich zu Beginn der Telefonkonferenz mit den Hauptverwaltungsbeamten aus unserer Ordnungsbehörde gehört, wie viele Anrufe dort bereits heute Morgen eingegangen sind", sagt er. Obwohl die Kontrolle in ÖPNV-Bussen beispielsweise eigentlich keine kommunale Aufgabe sei, werde der Ordnungsdienst dennoch ge­rufen, wenn uneinsichtige Menschen im Bus keine Mund-Nasen-Maske tragen.

Daneben gebe es Dinge, die über die akute Corona-Krise hinaus sichtbar bleiben: "Die Verschuldung der Kommunen", sagt Urbach. Es müsse darum auch einen Rettungsschirm für die Kommunen geben.