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Sicherheitskonferenz zeigt Folgen von Gewalt im Job auf
26.06.2020  
In Stuttgart flogen am vergangenen Wochenende Steine gegen Polizeibeamte, Schaufenster und Polizeiautos. Nur wenige Stunden vor diesen schockierenden Bildern war die zunehmende Gewalt gegen Einsatzkräfte Thema bei der Sicher­heits­konferenz der dbb jugend nrw.

Als sich am Samstagmorgen rund 20 junge Beschäftigte aus verschiedenen Berufsgruppen des Öffentlichen Dienstes vor den Bildschirmen ihrer Laptops versammelten, ahnten sie nicht, dass nur wenige Stunden später ihr Gesprächs­thema in Stuttgart eine neue Dimension erfahren würde. Die dbb jugend nrw hatte zur Sicherheitskonferenz geladen. Initiiert hatte der gewerkschaftliche Dachverband diese nun zum sechsten Mal - diesmal bedingt durch die Umstände der Corona-Pandemie erstmals online als Video-Konferenz.

Eine neue Dimension der Übergriffe

"Vor sechs Jahren stand das Thema 'Gewalt gegen Beschäftigte im Öffentlichen Dienst' bei uns noch ganz am Anfang", sagt Marcel Huckel, im Ehrenamt stellvertretender Vorsitzender des Jugenddachverbandes und im Hauptberuf selber Polizist. Seitdem haben die jungen Gewerkschafter Fakten gesammelt, verbale und körperliche Übergriffe dokumentiert und über ihre preisgekrönte Anti-Gewalt Kampagne Gefahrenzone Öffentlicher Dienst die Öffentlichkeit sowie die Politik ins Boot geholt.
Dennoch sitzt der Schock unter den Eindrücken der Ereignisse von Stuttgart tief: "Wir beobachten zwar seit Jahren eine Zunahme an Übergriffen insbesondere auf Polizeibeamte, Rettungskräfte und Mitarbeiter im Außen­dienst. Doch die Ausschreitungen in Stuttgart sind in dieser Dimension neu", sagt der Landeschef der dbb jugend nrw, Moritz Pelzer.

Was Polizisten in Stuttgart und Dietzenbach widerfuhr

Auslöser des Gewaltausbruchs soll die polizeiliche Drogen­kontrolle eines Jugendlichen gewesen sein. In Folge dessen sollen sich spontan mehrere hundert Menschen mit diesem solidarisiert haben und mit Steinen und Flaschen auf die Beamten losgegangen sein. 19 Polizisten wurden dabei verletzt. Hunderte zogen später vor der Polizeiwache auf und skandierten "Ganz Stuttgart hasst die Polizei".


Rund 20 junge Beschäftigte nahmen an der diesjährigen Sicherheitskonferenz teil
Erst im Mai wurden im hessischen Dietzenbach Polizisten Opfer eines gezielten Angriffs. Dort wurden sie zusammen mit Feuerwehrkräften gezielt in einen Hinterhalt gelockt und dort von einer gewaltbereiten Gruppe von 30 bis 50 Personen mit Steinen beworfen. Als die Beamten später zurechtgelegte Steinhaufen vorfinden, wissen sie: Das war eine vorbereitete Aktion.

Schon Beschimpfungen lösen Daueralarm im Hirn aus


Seit 2015 führt die dbb jugend nrw jährlich ihre Sicherheitskonferenz durch
Neben körperlicher Gewalt erleben Polizeibeamte noch viel häufiger verbale Gewalt. "Schon diese sendet einen Daueralarm ans Hirn und begünstigen das Auftreten von psychischen Erkrankungen", sagt Sven Steffes-Hollän­der, Psychotherapeut und Chefarzt der psycho­soma­tischen Klinik Heiligenfeld in Berlin. Steffes-Holländer hielt auf der Sicherheitskonferenz der dbb jugend nrw einen Impulsvortrag. Virtuell saß er den jungen Polizei­beamten, Beschäftigten aus Sozial- und Ord­nungs­ämtern, der Schulverwaltung, der Justiz und anderen Bereichen des Öffentlichen Dienstes gegenüber, um über die möglichen psychischen Folgen von an­dauernder Beschimpfung, Bedrohung oder gar körper­licher Angriffe zu sprechen.
Seiner Erfahrung nach sind die mitunter gravierend und können bis zur Frühverrentung führen. "Es gibt keinen generellen Schutz gegen psychische Erkrankungen", betont er. Jeder könne zum Betroffenen werden. Erst recht nach schwerwiegenden Übergriffen gegen die eigene Person - schlimmstenfalls verbunden mit dem Gefühl des Aus­geliefert­seins und der Ohnmacht in Situationen, die man selbst nicht mehr steuern kann.

Politesse mit Platzwunde, Außendienstmitarbeiter in Ungewissheit

Welche Brisanz das Thema in ganz NRW und auch in anderen Bundesländern quer durch die verschiedensten Ämter und Behörden des Öffentlichen Dienstes hat, schilderten die Teilnehmer der Konferenz: Berichtet wurde von einer Politesse, die wegen einer mündlich ausgesprochenen Verwarnung einen Schlag auf den Kopf bekam und eine Platzwunde davontrug. Zur Sprache kam der Übergriff auf einen Mitarbeiter des Ordnungsdienstes, dem ins Gesicht geschlagen wurde. Nach seiner Tat versetzte derselbe Mann bei der Fahrt zur Wache noch einer Polizistin einen Tritt. Weiter wurden Außendienstmitarbeiter erwähnt, die alleine unterwegs sind und nicht wissen, was sie draußen erwartet. Auch von einer Menge Beleidigungen wussten viele zu berichten.

Ebenfalls bittere Realität: "Meine subjektive Wahrnehmung ist, dass solche Übergriffe in unserer Behörde nicht kon­se­quent zur Anzeige gebracht werden", äußert sich ein Mitglied der Konferenz. Oft werde die Verfolgung solcher Maßnahmen auch durch die Führungskräfte nicht stringent angegangen. In einem Fall war die Rede davon, wie Mitarbeiter nach einem schockierenden Erlebnis mit einem Leichenfunde keinerlei Betreuung an die Seite gestellt bekamen. "Keiner hat da gefragt, wie es ihnen geht", so die Aussage eines Mitglieds der dbb jugend nrw.

In manchen Verwaltungen gibt es nicht mal ein Handlungskonzept

Noch immer zeigt sich in einigen Verwaltungen, dass man sich trotz des drängenden Problems wenig mit dem Thema Gewalt befasst. Hier und da gibt es laut Mitgliederschilderung nicht einmal ein allgemein gültiges Handlungskonzept wie nach Übergriffen vorzugehen ist. Andernorts kommt noch psychischer Druck bei der Arbeit durch zu wenig Wert­schätzung und zu hohe Arbeitsbelastung hinzu.

Bei allen schockierenden Berichten aus den Ämtern und Behörden auf kommunaler Ebene, Landesebene und beim Bund gibt es jedoch auch positive Schilderungen: Vereinzelt besteht die Möglichkeit, sich bei psychischer Belastung am Arbeitsplatz oder auch privat über ein Kontingent des Arbeitsgebers an eine Hotline zu wenden, die den Kontakt zu einem externen Psychologen herstellt. Zudem berichten einige Mitglieder über eine gelebte Null-Toleranz-Politik in vielen Behörden. "Schon verbale Angriffe und Bedrohungen werden dort nicht mehr einfach hingenommen und als 'zum Job gehörend' verbucht, sondern kommen konsequent zur Anzeige und werden vor Gericht verhandelt", fasst Marcel Huckel zusammen. Das setze nach außen ein wichtiges Zeichen. Denn auch Beschimpfungen sind kein Kavaliers­delikt. Und um ernsthaft psychisch zu erkranken, ist es gar nicht notwendig, dass es zu körperlichen Angriffen kommt.