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Von der Gewerkschafterin zu einer der jüngsten Bürgermeisterinnen
14.10.2020  
Seit der Stichwahl zur Kommunalwahl Mitte September denkt Sarah Süß darüber nach, ob sie nicht die Fach­gewerk­schaft wechseln müsste. Eigentlich gehört sie als Jugendvertreterin dem Vorstand im Bund deutscher Rechtspfleger in NRW an. Doch nach der Kommunalwahl ist sie Bürgermeisterin. Übrigens eine der jüngsten in NRW.

Einen Behördenwechsel der besonderen Art legt Sarah Süß, Mitglied der dbb jugend nrw, am 1. November hin. Dann nämlich wechselt sie ihren Schreibtischstuhl im Amtsgericht Halle gegen einen im Rathaus von Steinhagen. Denn vorübergehend hängt die 28-Jährige ihren gelernten Beruf als Rechtspflegerin an den Nagel. Sie hat dann andere Aufgaben. Sarah Süß ist ab dann Bürgermeisterin in ihrer Wahlheimat Steinhagen. Die erste Gemeindeoberste in der Geschichte Steinhagens. Fast auf den Tag genau drei Jahre, nachdem sie in die SPD eingetreten ist, mit der sie nun den Wahlsieg errang.

Steinhagen - erst Zufallswahl, heute Herzensangelegenheit
Noch immer kann die junge dbbj-lerin aus NRW das eindeutige Ergebnis der Stichwahl vom Wahlsonntag nicht fassen. Mit klaren 61,38 Prozent entschieden sich die Steinhagener für die junge Sozialdemokratin. Sie löst damit ihren Parteigenossen Klaus Besser im Amt ab. "Er war dann 26 Jahre lang Bürgermeister hier", sagt Sarah und fügt beeindruckt hinzu: "Fast so lange wie ich alt bin."

Eben noch im Juso-Vorstand und bald verantwortlich für eine 21.000-Einwohner-Gemeinde. Erst seit 2015 wohnt sie hier. Eine steile Karriere, könnte man sagen - und eine, die ungewöhnlich verlaufen ist, sowieso. Ur­sprüng­lich war die Entscheidung, die ostwestfälische Gemeinde zum Wohnort zu machen, ein bisschen durch den Zufall mitbestimmt. Sarah suchte nämlich mit ihrem da­ma­li­gen Freund und heutigen Verlobten nach einem ge­mein­samen Wohnsitz. Doch die Zufallswahl stellte sich bald als Herzensangelegenheit heraus: "Wir haben uns hier gleich wohl gefühlt", sagt die angehende Bürger­meiste­rin.

(c) by Thorsten Cronauge
Neue Bürgermeisterin in Steinhagen:
dbb jugend nrw-Mitglied Sarah Süß
Um in einem Ort neue Kontakte zu schließen, gibt es viele Möglichkeiten. Sarah entschied sich für eine ungewöhnliche: Sie bewarb sich 2016 als Neuzugezogene für das Amt der Heidekönigin. "Zu meiner eigenen Überraschung bin ich es geworden", erzählt sie offen. Damit standen für ein Jahr viele Events und zahlreiche Begegnungen mit den Stein­hagenern an. Genug Zeit also, Kontakte zu knüpfen und eng in die Gemeinde hineinzuwachsen. "Als Heidekönigin lernte ich auch Bürgermeister Klaus Besser kennen und hatte viele Termine gemeinsam mit ihm", erzählt sie.

"Als Bürgermeister wird man nicht geboren"

Die wird sie auch in der nächsten Zeit haben, den auch Bürgermeister müssen eingearbeitet werden. "Auch, wenn ich als Rechtspflegerin natürlich die Verwaltungslaufbahn eingeschlagen habe und weiß, wie Behörden arbeiten, habe ich aber noch nie im Rathaus gearbeitet", gibt sie unumwunden zu. Doch Sorge macht das Sarah nicht. Niemand komme als Bürgermeister auf die Welt. "Ich glaube, dass es mehr darauf ankommt, wie man miteinander redet und umgeht und weniger auf das Alter", sagt sie als wir sie fragen, ob sie sich nicht als junge Häsin vielleicht komisch fühlen mag unter manch altem Hasen im Rat und in der Verwaltung.

Miteinander zu reden, zu diskutieren und gemeinsam zu einer Lösung zu kommen, das hat Sarah auch durch ihre Gewerk­schafts­arbeit gelernt, sagt sie. Seit 2018 ist sie Mitglied im Bund deutscher Rechtspfleger und sei dort ganz schnell in den Vorstand gewählt worden. "Die Erfahrung aus dieser Zeit hat mir auch jetzt geholfen. Man lernt viel über den Umgang miteinander", sagt sie.

1.500 Kilometer mit dem E-Scooter durch den Wahlkreis

Schon die Zeit des Wahlkampfs hat sie genutzt, um sich gründlich in allen Teilen ihrer Wahlheimat umzusehen. "1.500 Kilometer habe ich mit dem Elektroroller zurückgelegt", sagt Sarah. Ihr Auto hatte sie zuvor verkauft und lebt so selbst das, wofür sie politisch eintreten will: den Klimaschutz. "Wir haben bereits jetzt eine Stabsstelle Klimaschutz", sagt sie. Doch möchte sie diese Arbeit zusätzlich um einen eigenen Ausschuss ergänzen. Der Umweltgedanke müsse in allen Bereichen mitgedacht werden - egal, ob es um Verkehr oder Bauen gehe, sagt sie.

Daneben hat sie auch eine Belebung des Ortskerns auf ihrer Agenda. Vielen fehle dort das Leben. Gerne möchte sie Gastronomen, Einzelhändler, Kulturschaffende und andere Akteure an einen Tisch holen und an kreativen Konzepten bauen. Neben diesen und vielen anderen Plänen sieht die 28-Jährige jedoch die größte Herausforderung darin, die Gemeinde gut und sicher durch die Corona-Krise zu bekommen: "Das wird eine finanzielle, aber ebenso menschliche Herausforderung", sagt sie. Das wichtigste ist bei all diesen Aufgaben für sie: "Für die Bürger ansprechbar zu sein." Das nämlich ist in Steinhagen gute Tradition.