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Wodurch Kinder im Lockdown oft zu Gewaltopfern werden
14.12.2020  
Wenn Vereinssport wegen Corona nicht mehr stattfindet und auch das Jugendzentrum geschlossen bleibt, steigt das Risiko, dass Kinder unerkannt Opfer familiärer Gewalt werden. Der erste Lockdown im Frühjahr hat offenkundig werden lassen, wo Nachbesserungsbedarf besteht.
Foto: (c) by ia_64 / stock.adobe.com
Häusliche Gewalt hat während der
Corona-Pandemie deutlich zugenommen
In Großbritannien zeigten Erhebungen schon früh, wie es in Corona-Zeiten um das Risiko häuslicher Gewalt an Kindern bestellt ist. In den ersten Wochen nach der Ausgangssperre wurden mindestens 16 Kinder zu Hause getötet. In normalen Zeiten sind es fünf.

Auch hierzulande merkten die Beratungsstellen früh auf, weil die Zahl der telefonischen Beratungen bei­spiels­weise bei der "Nummer gegen Kummer" sowie die Chat­beratung für Kinder und Jugendliche sprunghaft stärker frequentiert wurde. Die vom Bundes­familien­mi­nis­terium initiierte Kinderschutzhotline meldete für die ersten zwei Wochen im Mai einen drastischen Anstieg von Anrufen. Über 50 Fälle seien innerhalb dieses Zeit­raums eingegangen - fast so viele wie im gesamten April.
Finanzielle Sorgen und Angst triggern Gewaltausbrüche

Eine Studie des Instituts Global Health der Technischen Uni München und des RWI Leibniz-Instituts für Wirt­schafts­forschung kam zu dem Ergebnis, dass in der Zeit zwischen Ende April und Anfang Mai in 6,5 Prozent aller Haushalte Kinder gewalttätig bestraft wurden. Vor allem in Familien mit finanziellen Sorgen und wenn Eltern unter Angst und Depressionen litten, sei die Zahl höher.

Zu Gewalt gegen Kinder komme es jedoch aus weit mehr Gründen, sagt Simon Sellung, Mitarbeiter im Sozialen Dienst beim Jugendamt in Aachen. "Manche Eltern schlagen beispielsweise, weil sie keine Alternativen wissen", sagt er. In anderen Fällen geschehe Gewalt gegen Kinder aus dem Affekt. Das geschehe besonders schnell in Situationen, in denen Eltern sich extrem gereizt fühlen oder unter Suchtmitteleinfluss stünden.

Nicht nur wegen des Lernens sind Schulschließungen schlecht

Nun wurde jüngst ein neuerlicher Lockdown beschlossen, der die Situation in den Familien wieder verschärft. "Es ist schlecht für Kinder, wenn Kitas, Schulen und Sportvereine die Arbeit einstellen", sagt Diplom-Sozialarbeiterin Nadine Mauch. Sie ist Mitglied der Kommission "Soziale Arbeit" der komba. Schlecht ist es deshalb, weil durch die Kontakte in Bildungs- und Sporteinrichtungen hinaus oft Veränderungen auffallen, die auf Gewalt gegen Kinder schließen lassen. Laut einer Übersichtsarbeit des Deutschen Jugendinstituts e.V. kommen rund 40  Prozent der Gefährdungsmitteilungen normalerweise von Schulen, Kitas oder Kinderarztpraxen. Solche Rückmeldungen entfielen in der Zeit des Frühjahrs-Lockdowns. "Wenn Meldungen eingehen - manchmal auch durch Nachbarn, die sich beschweren - wurde das per Haus­besuch sofort überprüft", sagt sie.

Um das gewährleisten zu können, wurden in den Jugendämtern unterschiedliche Schutzmaßnahmen ergriffen. Viele arbeiteten in der Zeit im Home-Office. Zwar trennte man in vielen Kommunen Arbeitsteams räumlich voneinander, um im Ernstfall mindestens eine arbeitsfähige Einheit zu haben. Doch arbeiteten in der Regel alle unter Einhaltung der allgemeinen Schutzmaßnahmen so weiter wie vor dem Lockdown. Dazu zählte beispielsweise, die Familien weiter zu besuchen, die auch zuvor bereits sozialpädagogische Hilfen bekamen. Keine Familie sei beispielsweise in Ratingen in der Lockdownzeit ohne Hilfe geblieben. Dort habe man selbst in diesen schwierigen Zeiten Notfallbetreuungen für Kinder bis zwölf Jahre organisiert, sagt die Expertin. Teils gab es mehr zu tun als gemeinhin schon. Teils fand das, was getan werden musste, anders statt.

Facetime statt Familienbesuch - kreative Lösungen gefragt

Das weiß auch Simon Sellung aus seiner täglichen Arbeit. Der Kontakt zu Familien findet plötzlich über Facetime statt oder man trifft sich im Freien. "Die Träger haben in Rücksprache mit der Jugendhilfe eigeninitiativ gute und kreative Lösungen gefunden, indem sie beispielsweise mit den Familien über Videochat in Kontakt standen", sagt er. Dabei sei Fingerspitzengefühl gefragt. "Während manche Familien aus ernster Sorge um eine Corona-Infektion den Kontakt zu uns auf Eis legten, ging es anderen darum, den Kontakt zu uns bewusst zu unterbrechen", sagt er.

Viele Eltern seien ohne Schulen und Kitas überfordert, das hat sich bereits beim ersten Lockdown im Frühjahr gezeigt. Die Sorge, erneut in eine ähnliche Situation zu kommen, ist deshalb nicht ganz unbegründet. Den ganzen Tag mit sei­nen Kindern zu verbringen und das in manchmal schwieriger finanzieller oder psychischer Situation könne zur Über­forderung führen, sagen die Experten.

Unbürokratische Hilfe ist wichtig

Ein Vorschlag der Kinderhilfe, um der brisanten Situation zu begegnen: Es sollten temporär mehr Kinderschutzhotlines geschaltet werden, in denen Gewalt gegen Kinder oder schwere Überforderung gemeldet werden können. Das versetze die Jugendämter in die Lage, mindestens in akuten Fällen direkt zu reagieren, sogar oftmals unbürokratischer als zuvor.

"Besonders da, wo vor Corona schon hoher Unterstützungsbedarf existierte, ist höhere Aufmerksamkeit geboten", sagt Mauch. Aus Erfahrung weiß sie, wie wichtig neben Notfallnummern auch niederschwellige Kontakte sind, wie solche durch Sozialarbeiter in Jugendzentren oder auf Abenteuerspielplätzen. Insgesamt findet sie, dass weniger nach links und rechts geschaut werde. "Die Menschen gucken mehr auf sich selbst. Vorher hatten wir durch Beobachtungen anderer mehr Meldungen", schildert sie.

Gewalt ist mehr als nur das Schlagen

Dabei habe Gewalt gegen Kinder viele Gesichter: Nicht immer muss es körperliche Gewalt sein. Manche lassen ihre Kinder verwahrlosen. Dann sind es Kinderärzte, die sich melden, weil die Kinder nur verfaulte Zähne im Mund haben und die Gesundheitsfürsorge nicht stattfindet. Neben solchen Gewaltformen steht die psychische Gewalt: Manche Kinder bekommen vermittelt, nichts wert zu sein oder sind ständigen Streitigkeiten der Eltern wehrlos ausgesetzt.

Die Experten raten im Fall nötiger Schulschließungen Notbetreuungen für Kinder zu schaffen - und das nicht nur für Eltern, die in systemrelevanten Berufen tätig seien. Daneben sehen sie den Ausbau digitaler Kontaktoptionen für unerlässlich an. "Fachkräfte in der Jugendhilfe scheinen für Videokommunikation oft nicht ausreichend qualifiziert zu sein, sodass ein erheblicher Bedarf an Knowhow für digitalisiertes Arbeiten besteht", heißt es in der Übersichtsarbeit des Deutschen Jugendinstituts. Ein Problem stellt nicht nur die notwendige Schulung der Beschäftigten dar, sondern vor allem, dass solche Angebote für die betroffenen Familien zu hochschwellig sei. Es bestehen teils sprachliche oder kognitive Barrieren oder es fehlen einfach die technischen Voraussetzungen für die digitale Kommunikation.

Letztlich, so halten die Experten fest, könne Kindern und Familien nur dann geholfen werden, wenn Informationen be­züg­lich der Kindswohlgefährdung auch bei den Akteuren im Kinderschutz ankomme. In Spanien, Frankreich und Großbritannien unterstützen beispielsweise neben Einzelhändlern auch Apotheker Opfer häuslicher Gewalt, die sich ihnen gegenüber offenbaren. Ein Modell für Deutschland?