Extra Dienstjahre sind kein Jobmagnet
600.000 Fachkräfte fehlen im Öffentlichen Dienst. Doch statt Lösungen gibt es den Vorschlag die Beamtinnen und Beamten 5,5 Jahre länger arbeiten zu lassen. Die dbb jugend nrw moniert: Das macht den Job nicht attraktiver – sondern verschlechtert die Situation.
Neue Negativrekorde: 600.000 Fachkräfte fehlen dem Öffentlichen Dienst. Vor allem in der Gesundheits- und Altenpflege, im Bildungswesen und den kommunalen Verwaltungen. Für die derzeit dort Beschäftigten heißt das oftmals: zunehmender Leistungsdruck, Mehrarbeit und Überlastung. „Lockende Aussichten sind das für potenzielle Stelleninteressierte ganz und gar nicht“, sagt Nicole Schorn, Vorsitzende der Deutschen Beamtenbund-Jugend NRW (dbb jugend nrw).
”Ein Werbeplakat gegen den Fachkräftemangel ließe sich aus 5,5 Jahren mehr für Beamtinnen und Beamte sicher nicht machen.
Nicole SchornLandesjugendleiterin dbb jugend nrw
Und als wäre das nicht an sich schon schlimm genug, füllen Überlegungen aus dem Bundesarbeitsministerium und einzelnen politischen Verbänden die Newsspalten. Der Beamtenstatus soll auf den Prüfstand und zudem sollen Beamtinnen und Beamte auch gleich 5,5 Jahre länger arbeiten. „Soweit die kaum zu verstehenden Ideen“, fasst Schorn zusammen.
Es gibt viele Bereiche, in denen erreichen viele Beschäftigte aufgrund von hoher körperlicher Beanspruchung, hoher psychischer Belastung und aus anderen mit der Arbeit verbundenen Gründen die Regelaltersgrenze nicht. „18 Prozent scheiden wegen Dienstunfähigkeit aus und gehen in den Ruhestand“, sagt Schorn. Besonders im Lehrerberuf liegen je nach Bundesland die Werte zwischen 15 und 25 Prozent. Viele erreichen wegen psychischer Erkrankungen wie Burnout oder Depression hervorgerufen durch ständige Leistungsverdichtung das Pensionsalter gar nicht.
Folgen zu hoher Belastung im Polizeidienst
Ein anderes Beispiel: „Elf Prozent aller NRW-Polizisten sind verwendungseingeschränkt. Das heißt, sie dürfen beispielsweise nicht mehr nachts, im Schichtdienst, auf der Straße, mit Schusswaffe oder im Auto arbeiten“, so Schorn. Vorschläge zum Anheben der Lebensarbeitszeit für Beamte, die ja auch in diesem Bereich zu finden sind, würden bei Vorherrschen solcher Realitäten überhaupt nicht weiterhelfen, konstatiert Nicole Schorn
„Daneben steht nun noch das Thema ‚Ent-Beamtungen‘, sagt die Landeschefin der dbb jugend nrw. Die Probleme von Rentenversicherung und überlasteten Haushalten würde diese jedoch nicht lösen. Stattdessen schaffe man sich neue Probleme, betont Schorn. „Seit Jahren fordern wir in Sachen Attraktivität des Öffentlichen Dienstes mehr zu tun, um junge Menschen für den Öffentlichen Dienst zu interessieren – auch verbunden mit der Hoffnung, die Fachkräftelücken so zu verkleinern“, sagt die Landesvorsitzende. Alleine aus diesem Betrachtungswinkel heraus sei es absurd, ausgerechnet auch noch längere Lebensarbeitszeiten für das Beamtenverhältnis zu fordern. „Ein Werbeplakat ließe sich aus dieser Forderung beim besten Willen nicht machen“, sagt Schorn.
80 Prozent können sich vorstellen zu gehen
Ohnehin steht der Öffentlichen Dienst vor einer harten Probe. Denn es fehlen nicht nur Fachkräfte, sondern es stehen Befürchtungen im Raum, derzeit Beschäftigte könnten auf der Suche nach besseren Arbeitsbedingungen in die Privatwirtschaft abwandern. 80 Prozent der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst können sich nämlich laut des aktuellen „Bleibebarometers“ von Next:Public und Hertie School vorstellen, den Arbeitgeber bzw. Dienstherrn zu wechseln.
„Wir müssen also befürchten, dass sich die Situation weiter zuspitzt“, betont Schorn. Dabei sei bereits unter derzeitigen Voraussetzungen die Leistungsfähigkeit der Öffentlichen Verwaltung gefährdet. Bereiche in denen man sich entspannt zurücklehnen könne, gäbe es schon lange nicht mehr. „Es fehlt überall: in der Justiz, den Schulen, und Krankenhäusern“, nennt Schorn exemplarisch einige Bereiche. Und das unter anderem wegen der veralteten Ausstattung und mangelnder monetärer Anreize.
Idee von 5,5 Jahren mehr steht Attraktivitätssteigerung diametral entgegen
„Zu den Forderungen, die wir im vergangenen Jahr in unserem Positionspapier zur Steigerung der Attraktivität des Öffentlichen Dienstes zusammengefasst haben, zählt, die Arbeitszeit flexibel auf die jeweilige persönliche Lebensphase anpassen zu können – also sie gerade in Zeiten wie Familiengründung oder wenn beispielsweise Pflege in der eigenen Familie ein Thema wird, variabel zu gestalten. Das lässt sich unseren Vorstellungen nach nicht in Einklang bringen mit Forderungen wie längerer Lebensarbeitszeit für Beamtinnen und Beamte, denn auch die haben Familien“, sagt Schorn. Eine weitere Kernforderung aus dem Positionspapier, nämlich die der deutlichen Absenkung der Wochenarbeitszeit für Beamtinnen und Beamte, stehe der aktuellen Diskussion um 5,5 Jahre mehr ebenfalls diametral entgegen.
Notwendig seien solche Schritte, um im Konkurrenzdruck zur Privatwirtschaft und im Verhältnis zu den Tarifbeschäftigten zu bestehen. „Zahlreiche Studien belegen, dass bei weniger Arbeitsstunden pro Woche keine geringere Leistung, sondern im Gegenteil sogar bessere Leistungen erbracht werden, da sowohl Konzentration als auch Motivation höher sind“, fasst Schorn zusammen und fügt an: „Darum tut es unserer Meinung nach Not, Energien nicht in lähmende Sommerlochdiskussionen zu stecken, sondern auf das zu bündeln, was uns wirklich aus der Patsche helfen kann: den Öffentlichen Dienst für junge Menschen attraktiv zu machen.“
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