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Wenn aus dem Fluchtweg plötzlich ein Gefängnis wird

Gewalt gegen Beschäftigte
22. Dezember 2025

Fluchtwege frei zu halten – das kann Leben retten. Wie schnell aus einem dafür in der Tür klemmenden Türkeil jedoch auch umgekehrt eine Falle werden kann, das konnten die Teilnehmenden der Sicherheitskonferenz der dbb jugend nrw erleben.

Ein kurzer Schockmoment: Eigentlich ging es um ein Rollenspiel, das Deeskalations- und Sicherheitstrainer (DST-Trainer) Thomas Houwmann und Christopher Tibes den Teilnehmenden der Sicherheitskonferenz als Einstieg ins Thema vorspielten. Eine Szene, wie sie viele Beschäftigte im Öffentlichen Dienst aus dem Alltag kennen: Ein normaler Bürgerkontakt kippt, die Situation spitzt sich mit der Zeit immer weiter zu.

Zum Alptraum wird das Szenario als der Besucher laut wird, zur Tür rennt, sie schließt und von innen einen Türkeil unter das Türblatt schiebt. Der Sachbearbeiter sitzt plötzlich in der Falle – obwohl er die Tür eigentlich offenhalten wollte, um im Notfall rauszukommen. Niemand kann von außen helfen. Der „Besucher“ stürzt vor, drückt den Beschäftigten in die Ecke und greift ihm an den Hals.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich selbst zu helfen. Bei der Sicherheitskonferenz galt es, einzelne auszuprobieren.

Nicole SchornVorsitzende dbb jugend nrw

Viele schauen fassungslos – kurz vergisst man, dass alles gestellt ist. Es fühlt sich einfach echt an. Kein Wunder: Viele haben selbst schon Ähnliches erlebt oder zumindest davon gehört und wissen, wie schnell Grenzen überschritten werden.

Die Szene macht klar: Alles kann zur Gefahr werden – ein Türkeil, ein Locher auf dem Schreibtisch oder ein Kugelschreiber. „Mir wird ganz anders: Wir haben bei uns im Büro eine Porzellanschale mit Süßigkeiten. Wenn die zerschlagen wird…“, sagt eine Teilnehmerin, als die Trainer darauf hinweisen, wie banale Gegenstände riskant werden können.

Ein weiteres Problem: Nicht überall gibt es einen sicheren Fluchtweg. „Oft ist das einzige Fluchtfenster im dritten Stock“, nennt Teresa Jedinat, 1. stellvertretende Vorsitzende der dbb jugend nrw, das Dilemma. „Ich persönlich habe mehr Angst vor einem Kuli als vor einem Messer – einen Kugelschreiber hat ja fast jeder.“ Das bestätigen die Trainer: „Den Kugelschreiber im Kopf, den Löffel in der Backe – wir haben schon alles erlebt“, so Tibes.

Gefahrenradar zu entwickeln hilft, sich selbst zu schützen

Deshalb ist es wichtig, den eigenen Gefahrenradar anzuschalten und beim ersten Kontakt genau hinzusehen: Was hat die Person dabei? Bilderrahmen, Wasserflaschen, Taschen – was könnte gefährlich werden? Und nicht nur das: Wie trete ich selbst auf? Mache ich mich zum leichten Opfer? Welche Körperhaltung habe ich? „Durch seine Körperhaltung kann man viel verändern“, sagt Nicole Schorn, Vorsitzende der dbb jugend nrw, aus eigener Erfahrung – sie ist groß, und das hilft ihr in brenzligen Situationen.

Auch die Kommunikation entscheidet oft, ob eine Situation eskaliert. Verbales und non-verbales Verhalten sind wichtig. „Unerwünschtes Verhalten ansprechen, aber gleichzeitig empathisch und respektvoll bleiben – so kann man oft einen Ausweg finden“, erklärt Houwmann. Nicht immer lässt sich sofort alles klären, aber oft reicht es schon, zu signalisieren: Ich verstehe das Problem und kümmere mich darum.

An vielen praktischen Beispielen zeigte sich, welche Sicherheitsaspekte man selbst beeinflussen kann – genau das war das Ziel der Konferenz, betont Schorn: ganz praxisnah vermitteln, wie einfache Vorsichtsmaßnahmen und die richtige Art der Kommunikation helfen, aus der Gefahrenzone zu kommen.

Abwehrtechniken an Schlagpolstern geübt

Die beiden DST-Trainer zeigten auch einfache Abwehrtechniken: wie man sich bei körperlichen Angriffen verteidigt, um unverletzt rauszukommen. An Schlagpolstern oder im Partnertraining konnten die Teilnehmenden die Griffe ausprobieren. „Es gibt Sicherheit darin zu wissen, dass man es auch als leichte Frau schafft, mit dem richtigen Griff einen Angreifer wegzuschieben“, berichtet eine Teilnehmerin in der Abschlussrunde. Gleichzeitig warnen die Trainer davor, sich in falscher Sicherheit zu wiegen: Um Techniken wirklich sicher anzuwenden, braucht es regelmäßiges Training, betont Schorn. „Wichtig ist uns als dbb jugend nrw jedoch die vielen Möglichkeiten aufzuzeigen, die helfen können, sich selbst zu helfen.“

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