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Wie KI Behörden und Gerichte zusätzlich belastet

Wie KI Behörden und Gerichte zusätzlich belastet

Öffentlicher Dienst
4. September 2026

Künstliche Intelligenz soll Beschäftigte im Öffentlichen Dienst entlasten. Doch inzwischen arbeitet die andere Seite des Schreibtischs ebenfalls mit KI: Bürgerinnen und Bürger lassen sich Widersprüche, Anträge und Klagen von Chatbots erstellen. Das bringt neue Probleme mit sich.

Früher war eine Stellungnahme von Bürgerinnen und Bürgern häufig kurz. Ein paar Sätze, vielleicht mit Rechtschreib- und Grammatikfehlern oder sprachlichen Hürden, waren die größten Probleme, denen sich Beschäftigte von Verwaltung und Gerichten gegenüber sahen.

Das sieht heute anders aus. Ein Widerspruch gegen einen Bescheid, ein Eilantrag beim Sozialgericht oder eine Klage gegen den Arbeitgeber: Was früher juristische Kenntnisse, Zeit oder zumindest den Gang zu einer Beratungsstelle erforderte, lässt sich heute in wenigen Minuten vorbereiten.

”KI soll Arbeit erleichtern – doch lange Schriftsätze, unpassende Argumente und frei erfundene Urteile bedeuten für Beschäftigte zusätzliche Arbeit.

Nicole SchornVorsitzende dbb jugend nrw

Die Schreiben umfassen dann mehrere Seiten, sind in gestochenem Deutsch formuliert und kommen juristisch daher. Doch der Eindruck kann täuschen. Denn generative KI kann Rechtsgrundlagen, Gerichtsurteile oder Aktenzeichen halluzinieren. Auch Verweise können falsch oder für den konkreten Fall irrelevant sein

„Wir haben solche Schilderungen von unseren Mitgliedern bereits im Frühjahr bei der Landesjugendausschuss-Tagung gehört. Lange Schriftsätze, unpassende Argumente und frei erfundene Urteile müssen geprüft werden. Während die Fallzahlen ohnehin steigen, droht so eine neue Belastung für Beschäftigte, die bereits am Limit arbeiten“, sagt Nicole Schorn, Vorsitzende der Deutschen Beamtenbund-Jugend NRW (dbb jugend nrw). Aus diesem Grund schlagen nun auch Gerichte und Sozialbehörden bundesweit Alarm.

Aus Sicht der dbb jugend nrw ist das kein Randphänomen. Wenn die KI falsche Rechtsgrundlagen oder Urteile erfindet, müssen Beschäftigte zunächst herausfinden, was davon überhaupt stimmt.

NRW: Eilverfahren mehr als verdoppelt

Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung in Nordrhein-Westfalen. Bei den acht Sozialgerichten stieg die Zahl der Eilverfahren von rund 1.400 im ersten Quartal 2025 auf 3.600 im ersten Quartal 2026. Das entspricht einem Anstieg von mehr als 150 Prozent. Ein großer Teil der Anträge sei offensichtlich mit KI erstellt worden, sagte Jens Blüggel, Präsident des Landessozialgerichts Nordrhein-Westfalen mit Sitz in Essen.

Das Problem beginnt schon bei den Sozialbehörden

Was bei den Gerichten landet, beginnt häufig bereits in der Verwaltung. Bürgerinnen und Bürger wenden sich mit KI-unterstützten Schreiben an Jobcenter und Sozialbehörden – etwa mit Widersprüchen gegen Bescheide oder mit Anträgen auf einstweiligen Rechtsschutz.

Auch das Sozialgericht Duisburg berichtet von dieser Entwicklung. Laut Jahresbericht stieg die Zahl der Eingänge dort von rund 9.500 im Jahr 2024 auf rund 10.800 im Jahr 2025. Gleichzeitig habe sich die Zahl der Eilanträge innerhalb eines Jahres beinahe verdreifacht.

Mehr Fälle treffen auf ohnehin überlastete Beschäftigte

Ohnehin schieben die Ermittlungsbehörden bundesweit fast eine Million offene Fälle vor sich her, wie eine neue Umfrage der Deutschen Richterzeitung in den Ländern ergeben hat. Das sind fast 250.000 unerledigte Akten mehr als noch Ende 2021. Eine unfassbare Lage. Zwar lässt sich nicht genau ausmachen, wie groß dabei der Anteil der durch KI-erstellte Schriften genau ist, aber die steigende Gleichheit solcher Schriftstücke fällt allerorts auf. Das Problem: KI trifft nicht auf eine Verwaltung mit freien Kapazitäten. Sie trifft auf Beschäftigte, deren Arbeitsvolumen bereits hoch ist.

Dennoch könne die Antwort nicht lauten, KI aus Behörden und Gerichten herauszuhalten. Stattdessen müssten aber die Beschäftigten über Werkzeuge verfügen, die sie bei der Bewältigung der zusätzlichen Textmengen unterstützen.

Die Suche nach Lösungen für die Gerichte

Die Präsidentinnen und Präsidenten der Landessozialgerichte haben aus diesem Grund im Mai 2026 gefordert, die Justiz mit rechtssicheren und rechtskonformen KI-Anwendungen auszustatten. Eine länderübergreifende Arbeitsgruppe soll für die Justiz Lösungen dazu zu entwickeln, wie mit ausufernden Schriftsätzen besser umgegangen werden kann.

Helfen könnte aus Sicht der dbb jugend nrw, wenn den Bürgerinnen und Bürgern Musterformulare und verständlichen Online-Angebote bereitgestellt würden, damit diese nicht aus Unsicherheit seitenlange KI-Texte produzieren.

„Je besser zudem Behörden die relevanten Informationen schon bei der Antragstellung abfragen, desto weniger müssen Beschäftigte später aus langen Freitexten herausfiltern“, sagt Nicole Schorn. Digitale Formulare könnten dabei helfen.

Letztlich dürfen nicht wieder die Beschäftigten die Verlierer sein, die sowohl die KI der Verwaltung als auch die KI-generierten Texte der Bürgerinnen und Bürger „auffangen“. Wenn KI mehr Vorgänge erzeugt oder umfangreichere Prüfungen notwendig macht, müsse das zudem bei der Personalplanung und Arbeitsorganisation berücksichtigt werden.

Die eigentliche Aufgabe lautet: Menschen entlasten

„Unsere Forderungen zielen darum ab auf: ausreichendes Personal, klare digitale Prozesse und sichere KI, die Beschäftigte tatsächlich entlastet“, sagt Schorn. Denn KI sollte im Öffentlichen Dienst nicht dazu führen, dass Beschäftigte in eine noch stärkere Überlastungssituation steuern. Sie sollte dafür sorgen, dass sie mehr Zeit für die Fälle haben, in denen menschliches Urteilsvermögen wirklich zählt.

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