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Allein gegen Wilderer und Menschenhändler

Gewalt gegen Beschäftigte
24. November 2022

Forstleute kümmern sich um den Waldbestand und achten darauf, dass Pilzsammler nicht in Naturschutzgebieten ihrer Leidenschaft frönen. Tatsächlich erwarten Revierleiter in ihren Wäldern aber auch ganz andere Probleme: Menschenhändler, Wilderer und der Lauf großkalibriger Waffen.

„Früher konnte man Wege zu Terminen durch eine Fahrt durchs Revier abkürzen“, sagt Paul Netter (Name von der Redaktion geändert). Netter ist Revierleiter eines Bundesforstes. Heute kommt er zu spät zum Termin, wenn er das tut. Die Zahl von Vergehen und Straftaten in den Wäldern steigt. Immer müssen Forstleute auch damit rechnen, selbst in Gefahr zu raten. Denn im Wald sind sie auf sich alleine gestellt.

Kaum etwas scheint übrig zu sein von der Waldesruhe, die einst Goethe in seinen Gedichten beschrieb. Dabei sind Menschen, die ihre Hunde unangeleint durch den Wald streunern lassen, oder solche, die sich im Herbst im Naturschutzgebiet verbotenerweise als Pilzsammler betätigen, nicht einmal das größte Problem. Zwar kommt es auch beim Aufnehmen von Personalien und weiteren Maßnahmen zu verbalen Auseinandersetzungen, doch warten im Forst auch ganz andere Herausforderungen, in denen es schnell brenzlig werden kann.

Beschimpfungen wie „Arschloch“ oder „Schwanzlutscher“ sind noch harmlose Auswüchse, die sich Netter verbal einfängt, wenn sich Menschen in ihren Freiheiten im Wald beschnitten sehen. Corona hat die grundsätzliche Situation noch weiter zugespitzt, sagt er.

Kollegen von der Polizei, vom Zoll oder vom Ordnungsamt sind immer zu zweit. Forstleute sind immer allein.

Paul NetterRevierleiter

Als der Revierleiter im Forst einen obdachlosen Wildcamper erwischt, fliegt ihm unerwartet ein Messer entgegen. Ein anderes Mal schubst ihn ein Mann, dessen Personalien er aufnehmen will, auf die Straße als er sich abkehrt und zu seinem Auto zurückgehen will. „Eine besorgte Bürgerin rief an und bat mich, am Teich im Wald vorbeizufahren. Dort säße einer und grille“, schildert Paul Netter ein anderes Ereignis. Die Situation stellte sich bei seiner Ankunft allerdings anders dar: „Dort saßen fünf junge Männer und angelten verbotenerweise“, erzählt er weiter. Fünf also auf der einen Seite – und Netter alleine auf der anderen Seite.

Revierleiter sind Ermittlungspersonen der Staatsanwaltschaft

Fischwilderei ist eine Straftat. Paul Netter muss als Revierleiter dagegen vorgehen. Denn was viele nicht wissen: Im Nebenamt sind alle Revierleiter Ermittlungsperson der Staatsanwaltschaft. Damit stehen sie auf einer Stufe mit den Vollzugsbeamten der Polizei. Bei Straftaten müssen sie also der Sache nachgehen. Konkret kann das heißen: Menschen anhalten, Ausweiskontrollen durchführen, Personalien aufnehmen, Personen oder Häuser durchsuchen. All das ist in der Wirklichkeit aber eine Frage der Umsetzbarkeit.

Das Problem nämlich: „Kollegen von der Polizei, vom Zoll oder vom Ordnungsamt sind immer zu zweit. Forstleute sind immer allein“, verdeutlicht der Revierleiter. Auch er kann zwar Amtshilfe erbitten und in schwierigen Situationen Kolleginnen und Kollegen von der Polizei dazu rufen, doch Theorie und Praxis scheren weit auseinander: „In der Regel funktioniert das nicht“, sagt Netter.

Amtshilfe ist oft schwierig

Die Polizei habe beispielsweise kaum geländegängige Autos. Steht er mit dem Forstfahrzeug mitten im Wald und sind die Böden aufgeweicht, sei nicht daran zu denken, dass die Kollegen bis zu ihm vordringen. Auch die Orientierung im Forst sei schwierig. Einmal habe er über eine Stunde hinweg versucht, die Polizeikräfte an den Ort zu lotsen, an dem er sie brauchte. – Eine Frau hatte ihren Hund im Naturschutzgebiet ohne Leine laufen lassen und weigerte sich, ihre Personalien feststellen zu lassen.

Netter berichtet von Kollegen, die eine Begegnung mit Menschenhändlern im Wald hatten. In solchen Situationen auf Amtshilfe angewiesen zu sein, wäre fatal. Im Wald zählt: Man muss sich selbst helfen. Notrufknöpfe, die die Person ortbar machen und über GPS Hilfe herbeiholen – ähnlich wie es in NRW für Gerichtsvollzieher gibt – existieren nicht und werden nicht einmal diskutiert.

Wir haben weder Mehrzweckstöcke, noch Handschellen oder Waffen für den Notfall.

Paul NetterRevierleiter

„Ich hatte mal einen Fall, da lief einer mit einem langen Messer durch den Wald“, gibt Netter ein anderes Beispiel. Polizei und Zoll sind mit diversen Hilfsmitteln ausgestattet, mit denen sie in solchen Fällen sich selbst absichern und auch agieren können. Mehrzweckstöcke, Handschellen oder auch Waffen für den Ernstfall gehören dazu. „Wir haben all das nicht“, sagt Netter. Obwohl die Forstleute berechtigt sind, Waffen zu tragen, besitzen sie in der Regel nur ihre langläufigen Jagdgewehre. Zum Eigenschutz sind diese nicht gedacht und auch nicht zu gebrauchen. „Die sind viel zu schwer und unhandlich, um sie immer mitzuführen“, sagt der Forstmann.

Früher habe es auch Pistolen als Dienstwaffen gegeben, doch die gibt es schon lange nicht mehr. Sie wurden laut Netter einfach eingezogen. Dabei sei die Rolle der Forstleute als Ermittlungsperson der Staatsanwaltschaft Bestandteil einer bundesweit flächendeckenden Sicherheitsarchitektur. Sie sei allgemein anerkannt. Das Einziehen der Dienstwaffe sei das falsche Signal gewesen. Das Vogel-Strauß-Verhalten der vorgesetzten Dienststellen aller Ebenen führe zu einer eklatanten Lücke in der Sicherheitsinfrastruktur, sagt Netter.

Romantisierte Vorstellungen von der Arbeit im Forst

Das liegt unter anderem daran, dass in Summe romantisierte Vorstellungen von der Arbeit und der Situation im Forst bestehen. Selbst bei Vorgesetzten finden die Forstleute für ihre Anliegen wenig Gehör. Oftmals sind diese nicht einmal genau mit den Aufgaben und Zuständigkeiten ihrer Bediensteten vertraut, wie Netter sagt. Das hat zur Folge, dass nicht nur die Ausstattung schlecht ist –Tierabwehrsprays, Schutzwesten und dergleichen schaffen sich viele Forstleute zu ihrem Schutz privat auf eigene Kosten an – auch an vielen anderen Stellen hapert es:

Die Wissensvermittlung in Bezug auf Eigenschutz sei bei der Ausbildung nur rudimentär. Junge Forstleute sind also nicht gut auf die Gefahren im Wald oder auf verbale und körperliche Auseinandersetzung vorbereitet. Auch gebe es in Folge keine Schulungen. Trainings in Deeskalation seien Ausnahmen. „Es gibt nicht einmal Schulungen zur Eigensicherung – von einem Eigensicherungskonzept ganz zu schweigen“, sagt Netter.

Kaum Unterstützung

Hinzu kommen die Probleme, die allgemein im Öffentlichen Dienst ein Thema sind und vielen Bereichen zu schaffen machen: Das Personal fehlt und die Arbeitsbelastung steigt – im Wald werden die Reviere immer größer. Damit steige die Verantwortung. Die Unterstützung durch Vorgesetzte und die Politik sowie durch Schulungen bleibe hingegen gleich klein. Es scheint, als zeigten die Uhren im Forst noch eine ganz andere Zeit.

Mit dem Einziehen der Dienstwaffen seien auch regelmäßige Trainings zum Gebrauch von Kurzwaffen eingestellt worden. „Das Unterlassen von Ausbildung und Ausrüstung führt zur grob fahrlässigen Gefährdung der Beschäftigten im Revierdienst“, sagt Netter. „Es ist bei Weitem nicht immer gut gegangen“, schildert der Revierleiter. Es hat auch Momente mit mehr oder weniger tragischen Folgen für die Beschäftigten gegeben.

„Im Ernstfall wird dann mit großen Augen erschrocken geschaut und danach gefragt, wie das passieren konnte“, schildert der Forstmann. Statt jedoch hektisch nach Schuldigen zu suchen, wäre es aus Sicht der Beschäftigten viel wichtiger, wirkliche Veränderungen herbeizuführen. Aggressiven und mitunter gewaltbereiten Straftätern ohne Sicherheitsmaßnahmen und adäquate Ausstattung im Wald alleine gegenüberzustehen – eine Horrorvorstellung. In Deutschland wird sie jeden Tag Wirklichkeit. Doch der Schutz der Beschäftigten bleibt weiter aus.

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