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Quereinstieg im Öffentlichen Dienst: Was es braucht und wo es fehlt

Öffentlicher Dienst
30. November 2022

Die Suche nach einem sicheren Job und der Fachkräftemangel im Öffentlichen Dienst bringen immer mehr Leute dazu, sich als Quereinsteiger im Öffentlichen Dienst zu bewerben. Fragt sich: Ist das Chance oder Belastung für den Öffentlichen Dienst?

Es ist noch nicht lange her als die Zahl von Bewerberinnen und Bewerbern im Öffentlichen Dienst sank. – Im Bereich der Ausbildung, wie auch auf verschiedenste Stellenausschreibungen. Denn die Arbeit im öffentlichen Sektor gilt als verstaubt, schwerfällig und schlecht bezahlt. „In Sachen Attraktivität, Digitalisierung und leistungsgerechte Bezahlung muss sich zwar immer noch eine Menge tun“, sagt Susanne Aumann, Vorsitzende der Deutschen Beamtenbund-Jugend NRW (dbb jugend nrw). Doch das Blatt hat sich gewendet und die Bewerberzahlen steigen. Der Grund: „Durch die Corona-Pandemie und die insgesamt krisengeschüttelte Zeit spielt der Faktor ‚sicherer Job‘ wieder eine größere Rolle“, sagt Aumann.

Was den Öffentlichen Dienst zudem für Quereinsteiger interessant macht: Es gibt eine große Bandbreite an Tätigkeiten und Beschäftigungsfeldern. Wenn man das wachsende Interesse am Öffentlichen Dienst jetzt zu nutzen wisse, könne das helfen, die Personalnot und den Fachkräftemangel ein wenig auszubremsen, frischen Wind in die Verwaltung zubringen und zur Entlastung der Beschäftigten beizutragen. „Denn diese sind nach den vielen Krisen hintereinander und der herrschenden Personalknappheit hoffnungslos überlastet“, sagt Aumann.

Das ist kein notwendiges Übel, sondern ein Mehrwert für öffentliche Verwaltungen.

Susanne AumannVorsitzende dbb jugend nrw

Jedes Jahr fehlen mehr Leute in den öffentlichen Verwaltungen. Bis 2030 werden es mehr als eine Million sein, so das Ergebnis einer Analyse der Wirtschafts- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC). Bereits jetzt sind 360.000 Stellen unbesetzt.

Das sei nicht nur eine Chance für Menschen, die beruflich über einen Quereinstieg nachdenken, sagt Aumann. Der Öffentlichen Dienst brauche Quereinsteiger. „Das ist kein notwendiges Übel, sondern ein Mehrwert für öffentliche Verwaltungen. Der frische Blick, den Menschen haben, die von außen neu in den Öffentlichen Dienst kommen, hilft, nicht in Betriebsblindheit zu verfallen“, betont die junge Gewerkschaftschefin. Man brauche die Denke „out off the box“.

In Jobcentern und Schulen ist Quereinstieg nichts Neues

In den Jobcentern ist man auf Zuwachs von außen schon seit einiger Zeit gut eingestellt. Auch im Landesdienst – den Schulen beispielsweise, die händeringend Lehrkräfte suchen – gibt es gute Erfahrungen. „Quereinstieg braucht jedoch immer auch entsprechende Qualifizierung“, betont Aumann. Dies sei für das Zurechtfinden der neuen Kräfte nötig, ebenso aber auch für die Entlastung der Mitarbeiter, die spezifisch für den Job in der Verwaltung ausgebildet wurden.

Denn was viele unterschätzen: Bei der Arbeit im Öffentlichen Dienst geht es häufig um hoch komplexe Aufgaben, bei denen juristisches Wissen gefragt ist und rechtliche Entscheidungen getroffen werden müssen. Ohne Spezialwissen, zusätzliche Qualifizierung und Fortbildung ist dies kaum möglich.

Wer die Ausbildung im Öffentlichen Dienst gemacht hat und im weiteren Berufsleben Erfahrungen gesammelt hat, hat das nötige Wissen dazu. Quereinsteiger hingegen fangen diesbezüglich meist bei null an. Dafür bringen sie jedoch andere Kenntnisse mit, die die Arbeit im Öffentlichen Dienst bereichern können, ist sich Aumann sicher.

Typische Bereiche für Quereinsteiger bei den Kommunen

Viele Kommunen haben sich beispielsweise in den letzten Jahren immer weiter für Berufszugänge aus der freien Wirtschaft geöffnet. Nach der Ausbildung zum Gärtner, Forstwirt, Straßenwärter oder in der Fachrichtung Garten- und Landschaftsbau lässt sich als Baumpfleger oder Baumpflegerin bei der Kommune anheuern. In Finanzbereichen oder in der Kämmerei haben Bankkaufleute eine Stelle gefunden. Im Bürgerservice oder bei den Arbeitsämtern finden sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die ursprünglich eine Ausbildung als Rechtsanwaltsfachangestellte gemacht haben oder als Sozialversicherungsangestellte tätig waren.

Die notwendigen Qualifizierungsmöglichkeiten, um für neue Aufgaben gut gerüstet zu sein, gebe es über die Studieninstitute. Entsprechende Verwaltungslehrgänge werden sogar berufsbegleitend angeboten. Man kann also erst den neuen Job in der Kommune antreten und dann nebenher das zusätzliche Wissen erwerben. Das Problem aber: Die Lehrgangsplätze in den Studieninstituten sind rar und die Wartezeiten darauf lang. „Darum wäre es vor allem mit Blick in die Zukunft dringend notwendig, die Möglichkeiten und Kapazitäten auszubauen und so die Situation zu verbessern“, betont Aumann. Im Personalmanagement werden auch andere Studienabschlüsse als der verwaltungs­wissenschaftliche Bachelor anerkannt. Man sei sehr viel flexibler geworden, sagt Aumann.

Was verändert werden muss für besseren Quereinstieg

Dennoch gebe es Luft nach oben. Besonders die rechtlichen Regelungen wie beispielsweise die im Beamtenverhältnis seien sehr starr, Laufbahnwechsel sogar überhaupt nicht möglich. Beispiel Ordnungsamt: Wer im Ordnungsdienst arbeitet, hat zahlreiche Aufgaben inne, die polizeiähnlich seien: „Die Beschäftigten haben Eingriffsbefugnisse und auch Zwangsmaßnahmen durchzuführen. Sie sind bei Ruhestörung gefragt und haben ebenso wie die Polizei Umgang mit speziellen Personengruppen wie etwa Suchtkranken oder obdachlosen Menschen“, sagt Aumann, die selbst in einem Ordnungsamt arbeitet.

Idealerweise sollte ein Wechsel von der Polizei zum Ordnungsamt oder umgekehrt mit entsprechender Qualifikation möglich sein. Das ist es aber nicht. Zwischen der Polizeilaufbahn und der allgemeinen Verwaltungslaufbahn gibt es beamtenrechtlich keine Durchlässigkeit. Diese sei nicht nur für einen Wechsel zwischen den beiden exemplarischen Bereichen wichtig, sondern auch für den Quereinstieg. „Wir kommen darum nicht daran vorbei, solche Hürden abzubauen“, sagt Aumann. Es müsse um Menschen, Lebensläufe und Erfahrungen gehen statt um formelle Vorgaben.

„Formelle Hürden abbauen“

Eine solche Durchlässigkeit sei aber auch für den Quereinstieg fundamental. „Denn es gibt ja auch Menschen, die aus persönlichen Gründen den Arbeitgeber wechseln wollen oder auf ihrer Stelle nicht mehr außendiensttauglich sind, mit ihrer Qualifikation an einer Stelle jedoch super gut aufgehoben wären und passen würden, aber unsere Gesetze und Verordnungen machen ihm einen Strich durch die Rechnung“, sagt Aumann. Darum plädiert sie dafür, solch formelle Hürden abzubauen. „Es muss um Menschen, Lebensläufe und Erfahrungen gehen, statt um formelle Vorgaben, die Quereinstiege erheblich erschweren.“

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